Zach lässt alles mit sich machen. Kilian greift einfach in den Käfig und legt die Echse auf seiner Schulter ab, schmeißt sich auf die Fußball-Decke auf seinem Bett. Die Bartagame bewegt sich einfach nicht - als würde sie immer noch schlafen. Das Haustier hat Kilian Schüler als Gage bekommen - für eine Schauspiel-Rolle. Auf dem Regal in seinem Kinderzimmer steht neben vielen Büchern und der Spielkonsole auch ein Bild von einer Filmszene. Kilian mit Seitenscheitel, Hosenträgern und Karohemd - wie aus einer anderen Zeit.
Kilian Schüler aus Porz ist erst zehn Jahre alt, hat aber schon in einigen Filmen und Serien mitgespielt: In "Unter Bauern" an der Seite von Armin Rhode und Veronika Ferres, in "Tod in Istanbul" mit Jürgen Vogel und Heino Ferch, in der ZDF-Serie "Kommissar Stolberg" war er dabei und im Kinofilm "Ob Ihr wollt oder nicht" war er mit Senta Berger und Christiane Paul zu sehen.
"Der Kilian hat so ein Werbegesicht", hat eine Freundin zu seiner Mutter, Mia Schüler, gesagt. Das stimmt. Wer in Kilians Gesicht guckt, denkt direkt an glückliche Kinder, die am Frühstückstisch Haselnuss-Aufstrich essen oder zufrieden auf der Rückbank eines Mercedes durch die Nacht gleiten. Kilian war sofort Feuer und Flamme. "Jaja, ich will!"
Also ist Mia Schüler mit ihm zum Casting gegangen. Schon bald hatte er eine erste richtige Rolle in der Komödie "Selbstgespräche". Die Produktion empfahl ihn bei der Kölner Agentur Schwarz für Nachwuchs- und Jungschauspieler. Chefin Maria Schwarz lud ihn zum Casting ein, spielte mit ihm gemeinsam eine Szene vor der Kamera. "Kilian kann sich wahnsinnig gut in Rollen einfühlen", sagt Maria Schwarz. Sagt man ihm, er solle etwas traurig spielen, setzt er das direkt um. Außerdem habe er eine angenehme Art.
In letzter Zeit hat die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die sich bei der Agentur bewerben, enorm zugenommen. "Wir kriegen ungefähr 40 Bewerbungen am Tag", sagt Maria Schwarz, die die Flut kaum bewältigen kann. Anfragen per Post kann sie schon gar nicht mehr beantworten.
Der Ansturm liegt wohl nicht nur am allgemeinen Casting-Fieber im TV, sondern auch am Erfolg von großen Kinofilmen, in denen Kinder die Hauptrolle spielen und dadurch zu kleinen Stars werden. Einmal wie Harry Potter ins Zauberinternat gehen, wie in "Die wilden Hühner" in Omas Stall eine Mädchenbande gründen oder Abenteuer wie in "Die Vorstadtkrokodile" erleben, die gerade in Teil 2 im Kino zu sehen sind - davon träumen viele Jugendliche.
Die Kinder müssen Spaß haben
Aber nur wenige von ihnen schaffen es tatsächlich in die Kartei der Agentur Schwarz - etwa 40 gehören zum festen Stamm, unter ihnen zum Beispiel auch die Brüder Jimi Blue und Wilson Gonzales Ochsenknecht, mit dem berühmten Vater, die durch die Verfilmungen "Die wilden Kerle" bekannt wurden.
Maria Schwarz prüft beim ersten Kennenlernen vor allem die Motivation der jungen Bewerber "Warum willst du schauspielern?" Bei vielen käme dann ganz schnell heraus: "Weil meine Mutter das will." Funktionieren kann es aber nur, wenn die Kinder selber Spaß daran haben. Mehr als 10 000 Film- und Fernsehrollen werden in Deutschland jedes Jahr an Kinder vergeben.
Kinder bis zu 6 Jahren dürfen zwei Stunden täglich, über 6 Jahren drei Stunden täglich drehen. Nur wenn die Einwilligung von Schule, Eltern, Jugendamt und einem Arzt vorliegt, dürfen sie spielen. Sind sie an mehr als 30 Tagen im Jahr am Set, brauchen sie eine Sondergenehmigung. In Nordrhein-Westfalen muss dann auch eine medienpädagogische Fachkraft vor Ort sein. "Manchmal gibt es ja auch nicht so schöne Szenen", sagt Mia Schüler. Zum Beispiel, wenn es um Gewalt und Kriminalität geht.
So war Kilian auch als Statist beim Untergang der Gustloff dabei. Keine leichte Aufgabe, denn im Film flüchten die Menschen bei Eiseskälte. Kilian dagegen saß mit mehreren Kindern in einem Boot in einer schwarzen Box mit Scheinwerfern, in kratzigen Wintersachen - mitten im Sommer. "Das war ganz schön heiß" - sein Kopf hochrot. In solchen Fällen spricht die Medienpädagogin mit den Kindern über Spiel und Realität.
Die Agenturen arbeiten mit Castern, Regisseuren und Produktionen eng zusammen, schlagen für Rollen Kinder und Jugendliche aus ihrer Kartei vor, organisieren für sie Castings und die Texte für das Vorsprechen. Ein Markt, auf dem es nicht nur seriöse Vermittler gibt. Eine gute Agentur erkennt man daran, dass sie weder Gebühren für die Aufnahme in die Kartei noch für Fotoshootings verlangt. Sie verdient an den Honoraren, die sie bei einer erfolgreichen Vermittlung bekommt. Außerdem sollte sie den Eltern Einblick in die Darstellerverträge gewähren. Die Tages-Gagen für Kinderschauspieler liegen bei 250 Euro aufwärts.
Einmal war Kilian sogar schon tot. In der ZDF-Serie "Kommissar Stolberg" sollte er eine Leiche spielen. Dafür musst er allerdings erstmal jede Menge Lollys lutschen - in blau, damit sich die Zunge schön einfärbt. Das Schauspieler-Leben ist nicht immer nur aufregend. "Man muss auch viel warten", sagt Kilian. Seine Schule in Porz spielt gerne mit, auch wenn er sich für seine Einsätze frei nehmen muss. Der 10-Jährige ist ein guter Schüler, hatte bereits die zweite Klasse übersprungen. Das Schauspielern wirkt sich sogar noch positiv aus. "Wenn es etwas vorzutragen gibt, ist Kilian immer direkt begeistert dabei", hat der Lehrer seiner Mutter erzählt. Das mache er ganz locker und selbstbewusst. Die Schule geht für Mia Schüler auf jeden Fall vor. "Die Schauspielerei geht nur, solange es dort gut läuft". In der Schule erzählt Kilian allerdings nicht so gerne von seinen Ausflügen zum Film. Wenn einer sagt: "Ich habe dich im Fernsehen gesehen" antwortet er lieber: "Da musst du mich verwechselt haben". Darüber spricht er lieber mit den anderen Kinderdarstellern, die er am Set kennen gelernt hat und mit denen er immer noch befreundet ist.
Ihren Urlaub legt sich Mia Schüler so, dass sie Kilian zu den Drehs und Castings begleiten kann. Zu Hause übt sie mit ihm seine Rollen. "Den Text singen, tanzen und schreien wir dann gemeinsam". Ob Kilian später mal hauptberuflich Schauspieler werden will, weiß er noch nicht. Armin Rhode hat ihm beim Drehen zumindest geraten: "Bleib dran. Das ist ein guter Job". Trotzdem ist sich Kilian noch nicht so sicher. "Vielleicht auch Fußballspieler".
