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KindheitserinnerungenUnter der Dusche mit Helmut

4 min

Die frühen Kindheitserinnerungen sind vergilbt und sie kleben in einem Fotoalbum. Da ist Helmut, die „Bezugsperson“, nackt beim gemeinsamen Dreckabduschen mit lauter Vierjährigen. Da sind wilde Kissenschlachten vor dem Schlafengehen und Kinderfüße, die auf einer Klaviertastatur auf und abspringen. Oder war das nur ein Bild in einem Buch?

Keine Frage, für Ilka Martin (Name geändert), Jahrgang 1970, ist die Zeit als Kleinkind in einem Frankfurter Kinderladen weit weg. Das Matschen im Dreck, der „Lärmraum“, das nackte Herumtoben, die „Sleep Over“ - Übernachtungen bei den Kinderladen-Freunden - und die endlosen Diskussionen kennt sie allenfalls aus den Erzählungen ihrer Eltern.

Die haben seinerzeit viel Geld, 300 D-Mark im Monat, dafür bezahlt, ihre Kinder in einer Einrichtung betreut zu wissen, in der sie ihre Ideale zum Umgang mit Kindern verwirklicht sahen. Für die Nachbarschaft eine ungeheuerliche Investition - schließlich galten die Kinderläden gemeinhin als „Verwahrlosungsstätte“, die Kinder darin waren laut Vorurteil dreckig, ungezogen und vorlaut. Die Zeiten haben sich geändert: Wenn Ilkas Eltern Annette und Rolf heute ihre Enkelkinder aus einer Kölner Kita abholen, sehen sie „viele der Ideale von damals verwirklicht“.

Die Kinderläden erhielten ihren Namen von den leer stehenden Ladenlokalen, in denen sie untergebracht waren. Zunächst in Berlin und kurze Zeit später auch in anderen Großstädten mieteten Eltern, häufig Studenten, die Räume billig an, um die Betreuung ihrer Kinder selbst zu organisieren. Sie wollten damit ein Gegengewicht setzen zur damaligen Kindererziehung, die von den gängigen „Tugenden“ wie Disziplin und Gehorsam geprägt war.

„In kommunalen Krippen und Kindergärten wurden Kleinkinder 1968 noch mit Riemen an ihre Bettchen gefesselt“, berichtet die Berliner Soziologin Christa Preissing. Kinder durften ihre Welt nicht entdecken, sondern mussten an Tischen vorgegebene Lösungen nachvollziehen oder Perlen auffädeln. Selbst die Klozeiten seien geregelt gewesen, sagt die Jugendforschering Donata Elschenbroich. Nach draußen ging es höchstens einmal auf die Terrasse - „Kinderlüften“ hieß das zynisch.

Anders in den Kinderläden. Hier durften die Kinder selbst bestimmen, was sie spielen wollen, wann sie essen oder schlafen wollen. Erzieherinnen hießen hier Bezugspersonen und waren sehr gerne auch männlichen Geschlechts. Die Anliegen und Wünsche der Kinder standen an erster Stelle und das offene Gespräch wurde von klein auf eingeübt. „Es gab jede Woche ein Plenum, in dem endlos diskutiert wurde. Warum die kleine Jutta mal wieder in die Hose gemacht hat, oder dass der Jens gerade so aggressiv ist, weil seine Mutter einen neuen Partner hat.

Darüber wurde penibel Protokoll geführt“, erinnert sich Annette Martin heute schmunzelnd. Entgegen üblicher Vorurteile hatten ihre Ideale nichts mit einem „Laissez-faire-Stil“ zu tun, bei dem die Kleinen sich selbst überlassen werden. „Uns war es wichtig, dass die Kinder nicht gezwungen werden, etwas zu tun. Sie sollten einsehen, warum etwas gut oder schlecht ist und darüber bestimmte Regeln akzeptieren lernen. Deshalb haben wir unseren Kindern immer alles erklärt - und wurden dafür oft ausgelacht.“, sagt Annette Martin.

Weniger Hierarchie

zwischen Kindern

und Erwachsenen

Die Erziehungswissenschaftlerin Meike Sophia Baader nennt dies eine „Erziehung zur Kritikfähigkeit, zur Selbstbestimmung, zur Ich-Stärke und zur Selbstregulierung“. Die habe über die Jahrzehnte zu einer „Enthierarchisierung“ zwischen Kindern und Erwachsenen beigetragen, die heutige Erziehungsstile auszeichne. Das ehemalige Kinderladen-Kind Ilka Martin hat diese Ideale früh verinnerlicht: „Ich wollte nach der Kinderladenzeit unbedingt auf eine normale Schule wechseln und nicht die freie Schule besuchen, die an den Kinderladen angeschlossen war. Und dieser Wunsch wurde auch so akzeptiert.“ Heute hat die 38-Jährige zwei Kinder und arbeitet als Juristin.

Eine berufstätige Mutter - noch so ein Tabu, das die Kinderladen-Bewegung der 68er thematisiert hat. Die übliche Familienstruktur mit dem Vater als Ernährer und der Mutter als Erzieherin sollte aufgebrochen werden. Die Vision der heutigen Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen von putzenden und kochenden Männern und berufstätigen Frauen waren in den Kinderläden schon Anfang der 70er Jahre Realität.

Und man stieß schon damals an seine Grenzen. Annette Martin: „Es war nicht selten, dass man morgens unter Zeitdruck mit zwei Kindern vor einem verschlossenen Kinderladen stand. Da musste man dann erstmal die Bezugsperson aus dem Bett klingeln.“