Es ist eine Horrorvorstellung: Im Krankenhaus wird ein Patient verwechselt und der Falsche kommt unters Messer. In einem Limburger Krankenhaus ist Mitte Mai genau eine solche Verwechslung erst in allerletzter Sekunde aufgefallen. Statt für eine „kleinere“ Leistenbruch-OP hatte das Ärzte- und Pflegerteam einen Patienten für eine deutlich aufwändigere große Bauch-OP vorbereitet, heißt es. Ihren Fehler bemerkten Ärzte und Pflegepersonal gerade noch rechtzeitig.
Das passiert allerdings nicht immer: Eine schwangere Türkin etwa wurde vor einigen Jahren in einem österreichischen Krankenhaus per Kaiserschnitt von ihrem Kind entbunden. Soweit nichts Besonderes - nur, dass sie gar nicht die Frau war, die sich mit akuten vorzeitigen Wehen im selben Krankenhaus vorgestellt hatte.
Verwechslungen im Krankenhaus - nicht immer sind sie so spektakulär und folgenreich, und nicht immer bekommt die Öffentlichkeit oder selbst der Patient etwas davon mit. Wer einmal aus Versehen die Schilddrüsentablette seines Zimmernachbarn bekommt, merkt das vermutlich kaum, genauso wenig wie ein Patient sich wundert, wenn er zum zweiten Mal zu einer EKG-Untersuchung geschickt wird. Der neue Herzcheck könnte notwendig sein.
Wie oft solche Verwechslungen in deutschen Krankenhäusern passieren, ist kaum zu beziffern. Dazu gibt es nur vage Schätzungen. „Und selbst diese Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen, denn viele Verwechslungen werden aufgrund ihrer Folgenlosigkeit entweder gar nicht erst erkannt oder erkannte Verwechslungen nicht als solche dokumentiert“, sagt Dr. Richard Lux vom Institut für Patientensicherheit der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, dem „wissenschaftlichen Arm“ des Aktionsbündnisses Patientensicherheit.
Lux arbeitet seit Anfang dieses Jahres für eine Interventionsstudie mit ausgesuchten Berliner Krankenhäusern zusammen. Im Herbst soll das Ergebnis einerseits veranschaulichen, wie häufig und umfangreich die durchgeführten Identifizierungsmaßnahmen am Patienten sind und andererseits, von welcher Qualität die für die Identifikation relevante Dokumentation durch das Personal ist. Bereits nach wenigen Monaten fiel ihm Folgendes besonders auf: „Kommt es zu Fehlern, machen Mitarbeiter oft äußere Rahmenbedingungen wie Stress, Zeit- oder Personalmangel dafür verantwortlich.“
Hinzu kämen jedoch darüber hinausgehende Gründe für entstandene Fehler. Oft sind es über Jahrzehnte hinweg eingespielte und unreflektierte Vorgänge im beruflichen Alltag, die dafür in Frage kommen, so Lux. „Es fängt schon bei einer unbeabsichtigt risikobehafteten Kommunikation zwischen Personal und Patient an.“ Anstatt sich vor einer Untersuchung bei dem Patienten gezielt nach seinem Vor- und Nachnamen sowie Geburtsdatum - den sogenannten Kerndaten - zu erkundigen, wird dieser häufig einfach zur Untersuchung gebracht. Und wird der Patient doch nach seinem Namen gefragt, ist laut Lux die Fragestrategie zu sehr auf reine Entscheidungsfragen fokussiert. „Das Problem sind Fragen, die der Patient mit Ja oder Nein beantworten kann.“ Sicherer seien offene Fragen wie „Wie ist Ihr Geburtsdatum?“, mit denen sich das Personal gezielt über den richtigen Patienten rückversichern kann.
Auch der Patient selbst kann zu seiner eigenen Sicherheit etwas beitragen. „Bitten Sie das Personal freundlich, dass es Ihre Daten und auch die bevorstehende Untersuchung überprüft, in etwa mit den Worten:Ich möchte meinen Beitrag dazu leisten, dass meine Daten richtig sind und alle Untersuchungen ordnungsgemäß ablaufen“, sagt Gudrun Brosch, Patientenberaterin bei der Unabhängigen Patientenberatung Köln. Das beginnt schon in der Aufnahme, wo der Patient seine eigenen Daten wie Name, Vorname und Geburtsdatum überprüfen sollte.
Kann der Patient nur schwer in die Kommunikation mit eingebunden werden, weil er beispielsweise geistig behindert, kognitiv eingeschränkt, dement oder fremdsprachig ist, sollten laut dem Aktionsbündnis Patientensicherheit Angehörige, Dolmetscher oder Sozialdienste bei der Aufnahme des Patienten einbezogen werden, um dessen Daten korrekt zu erfassen. Die richtige und umfängliche Kommunikation zwischen Arzt, Pflegepersonal und Patient ist also die Basis, um Verwechslungen zu vermeiden. Dazu gehört laut Lux auch, dass sich einerseits Patient und Therapeut persönlich kennenlernen, damit sie sich in allen Stadien des therapeutischen Prozesses eindeutig identifizieren können. Andererseits müsse der Patient in die gesamte Vorplanung des Eingriffs und - soweit möglich - bei dessen Durchführung aktiv eingebunden werden. „Ärzte und Pflegekräfte sollten ihre Patienten als Informationsquelle nutzen“, appelliert Lux.
Doch der Klinikalltag sieht oft anders aus: Da sind zum einen die Mitarbeiter, die Patienten nach ihren Kerndaten nicht fragen, weil sie befürchten, sie könnten die Patienten dadurch verunsichern. Zum anderen scheuen sich Patienten - auch angesichts des oft täglich wechselnden Personals - die Mitarbeiter anzusprechen, weil sie nicht wissen, an wen sie sich wenden können oder dürfen. „Deshalb müssen sich die Mitarbeiter als Ansprechpartner offensiv anbieten beziehungsweise als solche zu erkennen geben und Patienten ermutigen, bei Unklarheiten gezielt nachzufragen“, fordert Experte Lux. Und Patientenberaterin Brosch appelliert an die Patienten: „Haben Sie keine Angst, Fragen zu stellen, denn das ist ihr gutes Recht.“
Die richtige Kommunikation ist wichtiger Bestandteil eines vierstufigen Kontroll- und Befragungsverfahrens des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, das helfen soll, insbesondere im chirurgischen Behandlungsablauf Verwechslungen zu vermeiden. Dazu gehören das Aufklärungs- und Identifikationsgespräch mit dem Patienten, die Markierung des zu operierenden Bereichs, die Gewährleistung, dass der richtige Patient in den für ihn vorgesehenen OP-Saal gebracht wird, und das sogenannte „Team-Time-Out“ im OP-Saal - eine letzte Konzentrations- und Kontrollphase vor dem Eingriff.
Ein Teil des gesamten Kontroll- und Befragungsverfahrens ist die sichere Patientenidentifikation, für die alle an der Behandlung - von der Aufnahme bis zur Entlassung - beteiligten Mitarbeiter verantwortlich sind. „Die korrekte Übermittlung von Informationen und die Rückversicherung über deren Richtigkeit sind die wichtigsten Werkzeuge, um eine sichere Identifikation zu gewährleisten“, heißt es vom Aktionsbündnis Patientensicherheit.
Viele Krankenhäuser nutzen inzwischen zur Unterstützung der Identifikation spezielle Armbänder, die den Kerndatensatz eines Patienten tragen und diesem bei stationärer Aufnahme sowie ambulanten operativen Eingriffen angelegt werden. Zwar unterstützt das Aktionsbündnis Patientensicherheit deren Einsatz, ob die Armbänder aber tatsächlich den Nutzen bringen, kann derzeit noch nicht beurteilt werden. „Insgesamt tragen solche Armbänder zur erhöhten Sicherheit bei“, ist sich Lux sicher. „Sich aber einzig und allein auf solche Hilfsmittel zu verlassen ist riskant. Sie sind kein Ersatz für die kommunikative Einbindung des Patienten.“ Um darüber hinaus die Sicherheit zu erhöhen, sollte laut Lux auf jedem Dokument, Befundbericht und -anhang der komplette Kerndatensatz des Patienten vorhanden sein. Eine visuelle Kontrolle würde ein beigefügtes Foto ermöglichen - allesamt Maßnahmen, die durch ein erhöhtes Bewusstsein für die Fehlerquellen und die Bereitschaft zur Verhaltensänderung eigentlich umzusetzen sein müssten. „Angesichts der wachsenden Sensibilisierung für das Thema Patientensicherheit besteht Grund zur Hoffnung, dass solche Maßnahmen künftig selbstverständlich sein werden“, sagt Lux. (mit aho)
