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Kriminalität unter Spätaussiedlern: „Gewaltbereitschaft macht uns Angst”

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Ein später Samstagabend in der Gummersbacher Innenstadt. Die 20-jährige Judith kommt mit mehren Freunden aus dem Kino. Drei junge Männer laufen ihnen entgegen, rufen irgendwas in der Art: „Seid ihr deutsch oder was?“ Die Antwort warten sie nicht ab, sie schlagen gleich zu. Judiths Freund brechen sie den Kiefer.

Die jungen Männer mögen Viktor oder Sergej geheißen haben, man hat sie nicht geschnappt. Doch ihr Akzent verriet, dass es Russlanddeutsche waren. Spätaussiedler. Immer häufiger wird diese Gruppe von Polizeibehörden als „kriminelle Risikogruppe“ klassifiziert; Meldungen von Drogenhandel oder Autodiebstahl häufen sich. Über einen kleinen Teil von ihnen, den der älteren Jugendlichen, sagt selbst die Leiterin des Nümbrechter Sozialamtes: „Die Gewaltbereitschaft macht uns Angst.“ Bei der Polizei im Oberbergischen Kreis heißt es: „Es muss was passieren.“

Längst haben Vorfälle dieser Art nicht nur die Polizei, sondern auch die Politik aufgeschreckt. Orte wie das hessische Lahr bekamen in vielen Gazetten Beinamen wie „Klein-Moskau“. Drogengeschäfte und wüste Schlägereien beschäftigen die Polizei. Bemerkenswert deutlich sagt nun auch der nordrhein-westfälische Innenminister Fritz Behrens: „Es ist offensichtlich, dass junge Russlanddeutsche zum Teil erhebliche Probleme haben, sich zu integrieren.“

Der Bundesbeauftragte für Aussiedlerfragen, Jochen Welt, erklärt: „Es gibt bei jungen Spätaussiedlern Auffälligkeiten, die zum Handeln Anlass geben.“ (siehe Interview) Allerdings ist es ein Problem, das sich statistisch nicht fassen lässt. In Kriminalitätstabellen werden Aussiedler nicht getrennt erfasst. Kriminalbeamte fordern, die Zahlen zu trennen. Doch genau davor warnen Integrationsfachleute: Damit würde eine ganze Bevölkerungsgruppe kriminalisiert. 2002 stellten Spätaussiedler mit mehr als 91 000 Zuwanderern die größte Zuwanderergruppe in Deutschland (siehe Kasten). Besonders Anfang der 90er Jahre waren viele in den Oberbergischen Kreis gezogen. Nach Waldbröl oder Marienheide etwa. In Nümbrecht sind 2400 der 17 000 Einwohnern Spätaussiedler. Jeder siebte also.

„Es ist ein verschwindend kleiner Teil, der kriminell ist“, heißt es im Sozialamt. Doch dieser Teil drückt den anderen den Stempel mit auf. „In manchen Gemeinden heißt es nach jeder Straftat: Das waren die Aussiedler“, erzählt Henning Setzer, Sprecher der Kreispolizeibehörde in Gummersbach. „Aber wir reden über Einzeltäter.“ Ein Integrationsproblem also, da sind sich alle einig. „Die, die zu uns kommen, machen keine Probleme“, sagt Lilia Fredrich, die in Köln-Kalk junge Spätaussiedler betreut. „Probleme machen die, die nicht mehr kommen.“

Die Frau aus Kasachstan kam selbst erst vor vier Jahren nach Deutschland und kennt die Probleme junger Russlanddeutscher. „Die kommen hierhin und sprechen kein Wort deutsch. Dann stehen sie erst mal auf der Straße.“ 120 Jugendliche oder junge Erwachsene betreut Fredrich. Wenn sie an sie heran kommt. „Wir versuchen sie sofort anzusprechen, nachdem sie angekommen sind. Aber zwingen können wir niemanden.“

In Gummersbach, wurde vor kurzem der Film „Swetlana“ im Kino gezeigt. Der Film erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens aus Russland, das in einem tristen Übergangswohnheim lebt und dessen Freund immer mehr Probleme mit dem Gesetz bekommt. Die Polizei war bei der Aufführung dabei. „Weil wir doch irgendwie mit den Aussiedlern ins Gespräch kommen müssen“, wie Sprecher Setzer sagt. 80 Prozent der Aussiedler sprechen im Moment ihrer Einreise heute kein Wort Deutsch. Wenn es gut läuft, besuchen sie nach einigen Wochen einen Sprachkurs. Doch oft genug verlassen sie den, ohne auch nur einige Sätze sprechen zu können. „Sie leben oft von Anfang an in einem Getto“, sagt Rainer Schmandt, der lange für Aussiedlerfragen beim Jugendaufbauwerk in Bonn zuständig war. „Mit jedem Tag wird es schwieriger, diese Mauer aufzubrechen.“