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LebenshilfeRituale erleichtern das Trauern

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Der gläserne Briefkasten steht am Ende des schmalen Ganges zwischen den Stühlen. „Für Robert“ steht auf einigen Umschlägen. Sie sind an einen Verstorbenen gerichtet. Robert (Name geändert) wurde nur 37 Jahre alt. Sein Sarg steht gegenüber, am anderen Ende. Das Licht fällt schräg durch die bunten Fenster der Aula von St. Aposteln auf die Stuhlreihen und die Säulen mit den Heiligenfiguren. Aber dies ist keine kirchliche Trauerfeier. Die Briefe sind eines von mehreren säkularen Ritualen, die die Trauernden auffangen sollen.

„Noch einmal diese Nähe fühlen“

Bis heute werden alle wichtigen Übergänge in unserem Leben mit Ritualen begleitet. Gerade am Lebensende sind die tradierten Abläufe wichtig. „Diese Rituale haben sich entwickelt, weil der Tod eines Menschen eine Lücke in einer Gemeinschaft hinterlässt. Und was damals diese Lücke geschlossen hat, funktioniert im Prinzip auch heute noch“, sagt Reiner Sörries, Direktor des Zentralinstituts und Museums für Sepulkralkultur in Kassel. „Rituale können den Trauerprozess einleiten“, sagt Professor Arnold Langenmayr, der an der Universität Duisburg- Essen die Psychologie des Trauerns erforscht hat. „Rituale bieten Halt wie ein Geländer, an dem ich mich festhalten kann“, sagt Joachim Metzner, katholischer Pfarrer in der Trauerseelsorge in Frankfurt.

In der Aula von St. Aposteln tritt Brian Müschenborn ans Rednerpult. Er ist Bestatter und Trauerredner. Müschenborn spricht vom Glück, das Familie und Freunde von Robert mit ihm erlebt haben. Er bittet die Anwesenden, sich zu erheben, für ein stilles Gebet oder eine letzte gedankliche Zwiesprache mit dem Toten. Zum Schluss ruft er sie nach vorn, um am Sarg eine Rose niederzulegen, sich ganz bewusst zu verabschieden. Nach und nach kommen so alle zusammen, Paare und enge Freunde stützen sich gegenseitig. „Wir wollen noch einmal diese Nähe fühlen“, sagt Müschenborn. Dann entlässt er die Trauernden mit einem Choral von Bach, einem erhebenden, fast optimistischen Stück.

Brian Müschenborn hat in den 90er Jahren bei der Kölner Aidshilfe erlebt, welche Hilflosigkeit Bestattungen auslösen, denen die Rituale fehlen. „Da wurde dann Madonna oder Queen gespielt, aber die Menschen nicht an die Hand genommen.“ Müschenborn hat katholische Theologie studiert - und sich darauf spezialisiert, kirchliche Rituale für säkulare Begräbnisse zu übersetzen. „Die Elemente der Trauerliturgie haben sich über 2000 Jahre bewährt“, sagt er. „Das Wesentliche ist, dass die Menschen nicht passiv gelassen werden, sondern geführt etwas gemeinsam tun.“ Auch Psychologen betrachten Trauer immer weniger als Ablauf von Phasen: „Das ist ein passives Bild, das klingt, als müsste man nur abwarten, bis die nächste Phase kommt - tatsächlich ist Trauer aber ein hochaktiver Prozess, eine ständige Auseinandersetzung mit dem Toten, der Situation, sich selbst“, sagt Psychologe Langenmayr, der an der Ruhr Campus Academy in Essen Seminare für Trauerbegleitung gibt. „Heute spricht man von Aufgaben, die der Trauernde bewältigen muss - die Realität des Todes anerkennen, Emotionen zulassen, den eigenen Platz in einer Welt ohne den Toten und für diesen einen Platz in der Erinnerung finden.“ Und dabei helfen Rituale.

Eine Studie in 75 Kulturen ergab: Werden viele Rituale gepflegt, bleibt am Ende weniger Trauer bei den Angehörigen zurück; und und umso weniger Trauer bleibt, je mehr Mitglieder einer Gemeinschaft an den Ritualen teilnehmen. Viele Menschen suchen aber Alternativen zu etablierten Ritualen. Selbst Pfarrer wie Joachim Metzner erleben, dass Trauernde ganz konkrete Vorstellungen haben, die die klassischen Abläufe sprengen: Zu Metzner, Leiter des Zentrums für Trauerseelsorge, kommen auch gut katholische Familien, die den Vater nach der kirchlichen Trauerfeier im Friedwald beerdigen - weil er doch immer so gern im Wald war. Dieser Individualismus stehe nicht unbedingt im Widerspruch zu althergebrachten Formen, meint Metzner: „Das Bedürfnis nach Ritualen ist da. Manches wirkt zwar überaltert, hat sich aber auch über lange Zeit bewährt - das sind Dinge, die Wahrheit in sich tragen, sie brauchen nur eine Übersetzung in unsere Zeit.“

Dabei waren Sterben und Tod lange sehr stark von Konventionen geprägt, erklärt Reiner Sörries vom Zentralinstitut und Museum für Sepulkralkultur: „Es gab eine Expertenkultur des Sterbens aus Medizinern, Pfleger, Bestattern und Kirche. Der Wandel begann Mitte der 80er Jahre mit dem Aufkommen der Hospizbewegung. Heute fragen die Menschen sehr genau: Was passt zum Verstorbenen und zu mir?“ Was genau, sei eine individuelle Frage, sagt Arnold Langenmayr.

Voraussetzung sei, dass die Trauernden etwas mit ihrer rituellen Idee verbinden. Religiöse Menschen kann die Liturgie auffangen, Heimatverbundene finden Halt in regionalen Traditionen. Aber es kann auch der Besuch im gemeinsamen Lieblings-Eiscafé sein oder der Brief, der am Ort des Kennenlernens vergraben wird. Gerade langfristige Rituale bewertet Langenmayr als wichtig für die Trauerarbeit: In Deutschland findet das Begräbnis, zumindest bei Erdbestattungen, meist drei Tage nach dem Tod statt. Das sei für die Trauernden zu früh, um die Realität anzuerkennen. Roberts Freunde treffen sich nach der Trauerfeier zum Reuessen. Robert war ein leidenschaftlicher Gastgeber, er hätte sich das so gewünscht, da sind sich alle sicher. Zum Schluss versammeln sie sich im Hof und lassen helle Luftballons steigen. Die fliegen schnell in den bedeckten Himmel, nehmen alle den gleichen Kurs, bleiben eng zusammen, wie die Menschen, die ihnen hinterherblicken.