Gerne erzählte Hilde Domin, dass sie „eine glückliche Kindheit“ hatte. „Das macht viel aus“, betonte sie noch vor einigen Monaten, bei einem ihrer zahlreichen Besuche in ihrer Heimatstadt Köln; „eine Kindheit, in der man verstanden wird und einen großen Spielraum hat. Denn davon hängt ab, ob man im Leben die Dinge positiv sieht, oder negativ, wie es heute viele tun“, sagte die Dichterin, die am Mittwoch im Alter von 96 Jahren in Heidelberg an den Folgen eines Sturzes starb.
Ein Satz, der sich wie ein Motto durch Leben und Werk einer der bedeutendsten Lyrikerinnen deutscher Sprache nach dem Krieg zieht. 1909 in Köln geboren, ging sie morgens „unter dem Geleit der Mutter Colonia“ - die noch heute über dem Eingang des Hauses Riehler Straße 23 hängt - mit dem Vater zur Schule. Die beiden hatten den gleichen Weg, der Vater arbeitete als Rechtsanwalt am Oberlandesgericht, wo er aufgrund seiner jüdischen Herkunft ab 1933 nicht mehr gerne gesehen war. Ein Jahr zuvor hatte seine Tochter Deutschland schon mit dem Kunsthistoriker Erwin Walter Palm in Richtung Rom verlassen: „Ich dachte, dass es kommen würde, wie es gekommen ist“, erklärte sie später mit Blick auf ihre damalige politische Weitsicht. 1935 promovierte sie in Florenz, dann wurde der Aufenthalt in Italien zu gefährlich. Ausgerechnet Santo Domingo, eine der unerbittlichsten Diktaturen Mittelamerikas, gewährte dem Emigrantenpaar eine Staatsbürgerschaft. Aus Dank nannte sich die Lyrikerin, die sie damals noch nicht war, Hilde Domin. Das Schreiben, ihre „zweite Geburt“, setzte in jenem Moment ein, als ihr 1951 der Postbote zwei Briefe entgegenhielt. In dem einen war die Schiffspassage nach Deutschland, der andere enthielt die Nachricht vom Tod ihrer Mutter. Noch am gleichen Tag schrieb sie ihr erstes Gedicht, dem innerhalb der nächsten zwei Jahre 200 weitere folgen sollten. „Nur eine Rose als Stütze“ lautete der Titel ihrer ersten Veröffentlichung. Mitte der fünfziger Jahre kam sie zurück in die Bundesrepublik, in der sie als eine der interessantesten intellektuellen Stimmen eine eigenwillige Position bestritt. 22 Jahre hatte sie im Exil verbrachte, „aber im Grunde war die Rückkehr und nicht die Flucht das große Erlebnis meines Lebens“, erklärte sie. Schnell stellte sich der Erfolg ein, die Auflagen blieben über Jahre stabil, Preise gab es viele, wie etwa die Heine-Medaille, den Nelly-Sachs-Preis, später den Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen.
In Köln waren die Säle immer voll, wenn sie sich ankündigte, davon konnte man sich im letzten Jahr noch überzeugen, als sie bei ihrem Besuch mühelos die Kulturkirche in Nippes füllte. Auch deshalb ist es schade, dass Köln die Vergabe des Heinrich-Böll-Preises an sie verpasste. Doch geht es nach dem Vorsitzenden des Kulturausschusses, so sollte nun ein Platz in der Domstadt nach ihr benannt werden. Das regte Lothar Theodor Lemper gestern an. In der Bundesrepublik fiel diese schlagfertige, temperamentvolle Frau aber auch deshalb aus dem Rahmen, weil sie als Emigrantin die neue Demokratie auch gegen die Angriffe ihrer besten Freunde, wie etwa Erich Fried, streitbar verteidigte. So wie sich in der Lyrik Hilde Domins Ästhetik und Moral stets unteilbar durchdrangen, so pochte sie auch in der öffentlichen Diskussion stets auf den konstruktiven Ansatz gesellschaftlicher Kritik. „Heimat und Liebe“ betrachtete sie nicht alleine in ihrem Emigrationsroman „Das zweite Paradies“, den sie 1968 veröffentlichte, als die beiden zu verteidigenden Güter ihres Lebens. In ihrem berühmten Gedicht „Mit leichtem Gepäck“ bekommt man einen Geschmack von jenem eigentümlichen Ton der Lyrik von Hilde Domin, in der Gefühl und Verstand immer eins sind. Ein Weltverständnis, das sie konsequent lebte, ohne sich deshalb das Leid in dieser Welt schönreden zu müssen. Diese Haltung, „die Dinge positiv“ zu sehen, findet man in der deutschen Nachkriegsliteratur nirgendwo, nur Hilde Domin verstand es, Verlust und Hoffnung in ein so fruchtbares Sujet zu verwandeln.