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Lessings "Nathan"Toleranz nur geheuchelt

3 min

Hier ist der Mensch nicht gut: Szene aus dem neuen "Nathan". (Foto: Smailovic)

Toleranz nur geheuchelt

Kölner Premiere: Lessings "Nathan" ganz aktuell

THOMAS LINDEN

KÖLN. In der Krise der Religionen ein gütiger alter Mann, der zwischen Moslems, Juden und Christen beschwichtigt. So könnte man Gotthold Ephraim Lessings "Nathan der Weise" als sanfte Allzweckwaffe einsetzen. In der Koproduktion, die Dramaturg Benjamin von Blomberg und Nicolas Stemann - Leibregisseur von Elfriede Jelinek - für das Hamburger Thalia-Theater und das Schauspiel Köln entwickelten, sieht das anders aus. Hier soll Nathan entlarvt werden mit der Parole: "Der tolerante Schwätzer ist entdeckt!"

"Sollen die anderen doch auswandern"

Zum Beweis lässt Stemann die Eröffnungsszene des Stücks im Schauspielhaus gleich zweimal spielen; wenn Nathan glaubt, seine Pflegetochter Recha sei den Flammentod gestorben und er die junge Frau nur zu schnell aufgibt. Ein wenig geliebtes Kind, von dem sich später herausstellt, dass es christliche Eltern hatte. Immer wieder fällt der Satz "Das Haus brennt". Und damit ist auch die Frage gemeint, wie es mit der Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche und ihrer Liebe zu den Kindern aussieht. Diese Inszenierung will provozieren: die Literaturwissenschaftler in ihrem Glauben an die Sanftmut des Helden, die Öffentlichkeit mit dem demonstrativen Bekenntnis zur Intoleranz - "sollen die anderen doch auswandern". Und aktuell nimmt das Stück den Streit um christliche Eidesformeln in der Politik auf. Stemann zeigt, wir befinden uns knietief in dem Schlamassel, den Lessing vor 200 Jahren beschrieb. Und dabei hatten wir doch gedacht, der "Nathan" sei bloß noch Schullektüre.

Provokant ist zunächst die Entscheidung, die Bühne zu räumen, nur die technischen Apparaturen auszustellen und so das Drama in eine Art Hörspiel zu verwandeln. Die Schauspieler (Christoph Bantzer, Philipp Hochmair, Felix Knopp, Katharina Matz, Sebastian Rudolph, Birte Schnöink, Maja Schöne, Patrycia Ziolkowska) recken die Hälse zu den Mikrofonen und präsentieren sich in einem Tonstudio. Keine Aktionen, nur Sprache, aber was für eine. Das Ensemble bringt über die Stimmen wunderbare Körperlichkeit in den Raum. Als stünden sie unter Strom, sprechen die Schauspieler mit Power. Jedes Wort wird überprüft und dabei nicht nur Nathans Gesinnung in Zweifel gezogen. Der christliche Retter von Tochter Recha präsentiert sich als übler Antisemit, und die alten Männer, die Repräsentanten der Religionsgemeinschaften, klappern mit den Goldbarren. Die jelineksche Überzeugung, dass die Menschen "nicht gut, sondern böse sind" bricht sich gegen Ende in einem fulminanten Auftritt des Ensembles Bahn. Integration, Toleranz, sind das nicht bloß humanistische Feigenblätter, an deren Wirkung längst niemand mehr glaubt?

Das "Sekundärdrama" der Nobelpreisträgerin mit dem Titel "Abraumhalde" wird dem "Nathan" aufgeschultert. Aber es passt mit seinen groben Keilen, denn es nimmt den scharfen ironischen Unterton der Inszenierung auf. Auf der fast leeren Bühne, die gegen Ende von einer großen, weißen Papierbahn wie von einer Welle überspült wird, dominiert die vollklingende Rhetorik. Mit nur sparsamem gestischen Aufwand wird wuchtiges Theater geboten. Stemann stellt den Humanismus als eine ethische Fassadenmalerei dar, die lächerlich in einer Welt erscheint, in der Intoleranz die Basis des individuellen Erfolgs darstellt. Die intellektuelle Schärfe dieser Inszenierung nahm das Publikum konzentriert auf: Es reagierte mit viel Beifall und sogar mit einer Spur Begeisterung.

Spieldauer

130 Minuten, 7. und 16. Mai jeweils 19.30 Uhr. Karten 0221-221 28400.