Professor Hartmut Bosinski ist Leiter der Sexualmedizinischen Forschungs- und Beratungsstelle der Uniklinik Kiel. Er hat viele verurteilte Kinderschänder therapiert und sich wissenschaftlich mit Pädophilie beschäftigt. Mit ihm sprach Rainer Kellers.
Frage: Herr Professor Bosinski, was bringt einen Menschen dazu, sich Kinderpornos anzuschauen?
Bosinski: Eine schwere Frage. Aber lassen Sie mich eines feststellen: An Kinderpornos kommt man nicht durch Zufall. Ich erlebe es häufiger, dass Männer mit einer Weisung für eine Therapie zu mir kommen und eben das behaupten. Doch es ist einfach nicht möglich. Man muss sich schon große Mühe geben, um sich im Internet so etwas zu besorgen. Im Regelfall sind es geschlossene Chatrooms oder Foren, wo solche Materialien ausgetauscht werden. Wenn man da etwas bekommen will, muss man schon selbst entsprechende Bilder einstellen.
Frage: Heißt das, alle Nutzer von Kinderpornos haben pädophile Neigungen?
Bosinski: Ja. Wie ausgeprägt die Neigung ist, mag aber verschieden sein. Wir unterscheiden prinzipiell zwei Formen der pädophilen Neigung. Einmal die so genannte pädophile Hauptströmung. Dabei sind nur Kinder von sexuellem Interesse. Und dann gibt es die pädophile Nebenströmung. Das sind Männer, die mögen eine altersadäquate sexuelle Orientierung haben, daneben besteht aber auch eine sexuelle Ansprechbarkeit für Kinder.
Frage: Wie viele Pädophile gibt es in Deutschland?
Bosinski: Wir können nur über Minimalzahlen spekulieren: Dunkelfeldstudien zeigen, dass ungefähr zehn Prozent aller Mädchen von ihrer Geburt bis zum 14. Lebensjahr Opfer sexueller Übergriffe mit Körperkontakt werden. Bei Jungen sind es vier bis fünf Prozent. Wir wissen auch, dass zehntausend Täter jedes Jahr ermittelt werden. Und dass auf ein angezeigtes Delikt fünf bis acht nicht angezeigte kommen. Daraus könnten wir schließen, dass es zwischen 50 000 und 80 000 reale Täter gibt. Aber nur circa die Hälfte dieser Täter ist pädophil. Die anderen sind Gelegenheitstäter. Macht 25 000 bis 40 000 genuin Pädophile. Das sind aber sehr vage Schätzungen.
Frage: Was geht in den Köpfen der Täter vor, wie erklären sie ihre Taten?
Bosinski: Es gibt zum Beispiel solche, die gehen ganz in der Welt des Kindes auf. Sie engagieren sich vielleicht als Pfadfinderführer, Jungdiakone, geben Nachhilfe usw. Für die sind sexuelle Beziehungen zu Kindern ein Ausdruck „besonderer Liebe“. Die sind nicht unbedingt gewalttätig und schauen auch nicht unbedingt Kinderpornos. Die gucken sich lieber Versandhauskataloge an, Kindermoden und so etwas. Für die ist das Kind der Sexualpartner. Sie sagen: Die Kinder wollen das ja, ich tue ihnen nichts Böses. Diese Leute haben ein im Wortsinne ver-rücktes erotisches Koordinatensystem. Andere benutzen Kinder bedenkenlos, um ihre sexuellen Neigungen zu befriedigen.
Frage: Kommt diesen Leuten denn nie der Gedanke, dass es falsch ist, was sie tun?
Bosinski: Es gibt eine nennenswerte Gruppe, die Skrupel hat. Es gibt auch einige, die kommen zu uns und sagen: Ich hab' diese Neigung, ich hab' sie noch nie ausgelebt, und ich habe Angst davor. Reine Kinderporno-Nutzer kommen in der Regel nur zu mir, wenn ein Strafbefehl erlassen wurde.
Frage: Sind alle, die Kinderpornos schauen, potenzielle Kinderschänder?
Bosinski: Es gibt eine gemeinsame Schnittmenge, aber es ist nicht ganz deckungsgleich. Allerdings ist selbst der Konsum von durch Missbrauch entstandenen Produkten Teilnahme am Missbrauch.
Frage: Weckt das Internet schlafende Neigungen?
Bosinski: Eine Neigung müssen Sie haben. Wer sie nicht hat, blättert angewidert weiter.
Frage: Fast alle Pädophile sind Männer, richtig?
Bosinski: Frauen als Mittäterinnen, das kommt vor. Aber ich habe erst eine Täterin mit einer pädophilen Nebenströmung erlebt. Das soll aber nicht heißen, dass es keine pädophilen Frauen gibt. Amerikanische Kollegen sagen, fast 20 Prozent der Taten werden von Frauen begangen. Es ist denkbar, dass hier die Anzeigenbereitschaft nicht so hoch ist, dass die Vorgehensweise subtiler, vielleicht auch gänzlich anders ist.
Frage: Gibt es den typischen Kinderschänder?
Bosinski: Rein statistisch ist eine Neigung in allen Gesellschaftsschichten gleich häufig. Was wir bei den überführten Tätern aber sehen, ist, dass viele aus sozialen Randschichten stammen. Es gibt dafür zwei Erklärungen. Variante 1: Die sind dümmer und werden schneller erwischt. Variante 2: Die können ihre Neigung nicht so gut kontrollieren. Fragen Sie mich nicht, welche Variante stimmt. Ich weiß es nicht.
Frage: Sind pädophile Kinderschänder therapierbar?
Bosinski: Eine pädophile Orientierung kann man ebenso wenig beseitigen wie eine hetero- oder homosexuelle. Niemand sucht sich seine sexuelle Orientierung aus. Aber wir können dafür Sorge tragen, dass die Neigung nicht realisiert wird. Wir gehen psychotherapeutisch und mit triebdämpfenden Medikamenten vor. Voraussetzung ist aber immer, dass der Täter dem zustimmt.
Frage: Wie hoch ist die Erfolgsquote?
Bosinski: Mehrere Untersuchungen zeigen, dass circa die Hälfte aller verurteilten Kindesmissbraucher spontan - also auch ohne Behandlung - nicht wieder rückfällig wird. Durch Psychotherapie lässt sich dies möglicherweise nochmals um 25 Prozent senken, setzt man zusätzlich Medikamente ein, lässt sich die Zahl auf 15 Prozent drücken. Freiwillige Kastration senkt die Quote auf unter 5 Prozent. Aber es gibt einen Rest, den erreichen Sie durch gar nichts.
