Sie wurden gehandelt wie Vieh. 160 Frauen vorwiegend aus der Ukraine und kaum eine über 25 sollen von einem Mädchenhändlerring, der jetzt in Berlin ausgehoben wurde, nach Deutschland geschleust und zur Prostitution gezwungen worden sein. Mit gefälschten polnischen Pässen wurden sie über die Grenze geschmuggelt, um hier dann regelrecht verkauft zu werden. Für 3500 Euro sollen einige Frauen am Flughafen Berlin-Tegel den Besitzer gewechselt haben. Mit den anderen hatte das Schmugglertrio - ein Ukrainer und zwei Polen - andere Pläne. Für 90 Euro pro Stunde sollten sie an zahlungskräftige Kunden vermittelt werden. Den Frauen blieb davon kaum etwas. Denn sie mussten zunächst ihre Vermittlungs- und Transportkosten von 10 000 Euro „abarbeiten“. Dafür schwärmten sie nachts aus, auch in die Suiten mehrerer Hotels. Bei der Suche nach möglichen Kunden der Call-Girls stieß die Polizei auch auf den Namen des Fernseh-Moderators Michel Friedman (siehe Artikel unten).
Die Ermittlungen gegen den Berliner Mädchenhändelring werfen ein Schlaglicht auf kriminelle Machenschaften, mit denen das Organisierte Verbrechen aus Osteuropa Millionen verdient. Um 400 Prozent, so eine Analyse des Europarates, seien die Profite der Zuhälter und Schleuser in den letzten zehn Jahren gestiegen. Und 500 000 Frauen sollen es sein, die europaweit von einem Netz von Banden festgehalten werden.
Die Geschichten der Opfer ähneln sich. In litauischen, lettischen, weißrussischen oder moldawischen Dörfern sind die Schlepper auf der Suche nach den Mädchen. Versprochen wird ein gut bezahlter Job im Westen.
Doch die Wahrheit sieht oft anders aus: In den Protokollen der Fahnder finden sich immer wieder Berichte, in denen die Frauen schildern, wie sie durch brutale Gewalt und mehrfache Vergewaltigungen gefügig gemacht wurden.
Selbst diejenigen, die wussten, was von ihnen in Deutschland erwartet wird, hatten vielfach keine wirkliche Entscheidungsfreiheit. Denn es die Armut in den Provinzen ehemaliger Ostblockstaaten, die viele zu diesem Schritt treibt. Seither kommen die meisten Frauen, die hierzulande zur illegalen Prostitution gezwungen werden, aus Osteuropa. Das Gesetz zur Besserstellung legaler Prostituierter erreicht sie nicht.
Das Problem des Frauenhandels ist lange erkannt. Das Bundeskriminalamt arbeitet mit den Polizeibehörden vor Ort und Europol zusammen. Die Ermittlungen laufen grenzüberschreitend. Bereits seit 1996 gibt es eine Baltic Sea Task-Force der Ostseeanrainerstaaten, seit 2000 eine Expertengruppe „Menschenhandel“. Im Bundesministerium für Familie beschäftigt sich seit 1997 die Bundesarbeitsgruppe Frauenhandel mit dem Thema. 2001 gab es in Berlin die OSZE-Konferenz „Europa gegen Menschenhandel“. Doch die Ergebnisse sind mager. Der aktuellste Lagebericht des BKA weist für 2001 einen Anstieg der Menschhandels von 11 Prozent auf. Und je mehr man nachforsche, desto mehr komme zutage, heißt es.
Doch vieles kommt erst gar nicht heraus, weil die Opfer schweigen. Würden sie reden, meint mancher Fahnder, vielen Menschenschmugglern würde man schnell das Handwerk legen können. Aber ohne Belastungszeugen ist die Beweisführung schwierig. Und Frauen, die sich trauen auszupacken, riskieren viel. Daran haben auch Anstrengungen wenig geändert, die Lage der Illegalen zu verbessern. Zwar gibt es seit März 2001 eine Regelung, dass solche Frauen unter das Opferentschädigungsgesetz fallen. Doch das Hauptproblem liegt in den Heimatländern. Der Arm der Clans reicht zurück bis in das Dorf der Familie. Dort die Zeugin und ihre Angehörigen zu schützen, könnten die Behörden meist nicht leisten, heißt es beim BKA. Und auch eine finanzielle Starthilfen bei der Rückkehr, könne viele nicht überzeugen.
Aber nicht nur die Androhung von Gewalt macht viele Frauen mundtot. Wer als Zeugin aussagt, wird in den meisten Fällen nach Prozessende des Landes verwiesen. Zwar gelten die Frauen als Opfer, aber sie hielten sich eben illegal auf. Und solange sie nicht glaubhaft versichern können, dass ihnen zu Hause Gefahr droht, werden sie abgeschoben. Diese Regelung erweise sich, heißt es im Bericht des BKA, als „problematisch in vielen Fällen“.