Bensberg – „Ich habe geheult, als ich jetzt die vielen Unterlagen gelesen habe - über das, was damals alles in Moitzfeld passiert ist.“ Reiner Gläser (50) sitzt vor seinen Computerschirmen und arbeitet die schlimmen Ereignisse, die ihm und anderen Zöglingen im früheren Diakonie-Heim „Gut an der Linde“ (Moitzfeld) widerfahren sind, auf. Reiner Gläser, der bisher nur unter Decknamen im Internet auftrat, geht jetzt mit seinem vollen Namen in die Öffentlichkeit: „Ich habe nichts zu verbergen. Jetzt, nachdem ich alles schriftlich beweisen kann, kann ich offen reden.“
Gläser sagt, er sei missbraucht und misshandelt worden. Vergessen könne man das nie. Er glaube aber, dass er aus eigener Stärke „alles für mich selbst verarbeitet“ habe.
„Ich wurde unzählige Male von Erziehern vergewaltigt“, erzählt er. Er habe dem Heimleiter und jedem Kind davon erzählt. „Es ist nichts passiert. Alle Erzieher und der Heimleiter waren informiert.“ Einmal habe er die Flucht ergriffen, sei aus dem Fenster gesprungen. „Ich wollte nur weg. Ich stürzte in eine Pfütze. Der Erzieher hat mich erwischt. Es gab Ohrfeigen ohne Ende.“ Und weiter: „Er hat mir meinen Fuß an einen Baumstamm-Sitz festgenagelt, damit ich nicht weglaufen konnte. Die Narbe kann man heute noch sehen.“ Reiner (damals 10) riss den Fuß hoch. „Ich hatte schon kein Gefühl mehr. Dann sah ich, wie das Blut aus dem Schuh quoll.“ Auf dem Fußrost an der Türe rutschte er auf dem eigenen Blut aus. Er prallte irgendwo gegen, wurde ohnmächtig.
Die Zöglinge seien nicht nur sexuell missbraucht worden, so Gläser. Der Heimarzt habe quer Beet - auch bei nicht als nervös, unruhig oder labil Auffallenden - Medikamente verabreicht. Therapievorschlag für einen Neunjährigen, so die Akten: „Morgens und mittags je 1 Drag. Encephabol. Abends 1 / 2 Valium 2.“ Gläser: „Irgendwann haben wir die Dinger nicht mehr genommen. Es gab dann eine Sitzblockade, und schließlich wurde ein Erzieher entlassen.“ Bestritten werde heute noch, dass es einen Isolierraum gegeben habe, in dem Kinder ans Bett fixiert worden sind.“ Er selbst sei in diesem Raum gewesen. Schlimm? „Eigentlich nicht. Da hatte man wenigstens seine Ruhe.“ Gläser zeigt Pläne, auf denen der „Isolierraum“ eingezeichnet ist.
Nach der Schule mussten die Kinder beim Bauern (auf dem Feld) und beim Tennisklub arbeiten. Stunde: 4,20 Mark. Das Geld sollte auf Sparbücher gelangen. „Wir haben nie etwas bekommen.“
Als Reiner Gläser in Gladbach 20 Mark fand, brachte er sie zum Fundamt. Die BLZ brachte ihn als ehrlichen Finder. Im Heim bekam er aber eine Tracht Prügel, weil er zu lange unterwegs war. Das Geld bekam der Finder nie. Er erfuhr eines Tages, dass der damalige Diakonleiter S. das Geld abgeholt habe. Am 2. August 2010 erhielt er vom heutigen Diakonchef „die vorenthaltenen 20 DM“ (in Euro) zinslos zurück. Pfarrer Peter Iwand (Diakonie Aprath): „Das war eine symbolische Geste.“
Warum kam er ins Heim? Sein Vater, der überhaupt nicht gewusst habe, wo er seit einem Schultag im Jahr 1969 abgeblieben sei, habe später mehrfach versucht, ihn zu „befreien“. Der Radio- und Fernsehtechniker aus Bliesheim habe vom Gericht Betretungsverbot erhalten. Gläser: „Ich war so gut in der Schule, dass mir schließlich langweilig war. Da habe ich Faxen gemacht. Das wurde mir als Nervosität ausgelegt. Ein Vater beschwerte sich - und plötzlich war ich im Heim - ,auf Probe .“
Es handele sich bei den Schilderungen nicht um Hirngespinste, sagte gestern noch einmal Pfarrer Peter Iwand für die Diakonie Aprath, die ein großes Interesse an einer Aufklärung habe. Die Mitarbeiter hätten große Schuld auf sich geladen. „Das ist für alles unerklärlich und entsetzlich.“
