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Mythos SüßstoffSüß, kalorienarm - und ungesund?

7 min

Der Díckmacher: Zucker. Aber was ist mit Süßstoff? Macht er wirklich schlank? (Bild: Archiv)

Er soll krebserregend sein und sogar dick machen. Trotzdem verwenden ihn täglich Millionen - längst nicht nur Diabetiker. Über keinen Lebensmittelzusatzstoff gibt es so viele Mythen wie über Süßstoff. Einerseits nutzen die Verbraucher gerne die Vorteile des Süßstoffes (Kalorien sparen, Zähne schützen), andererseits haben sie Angst, dadurch krank zu werden. Wie gefährlich ist Süßstoff wirklich? Die gängigsten Vorurteile und ihre Auflösung:

Süßstoff kann Krebs auslösen

Verschiedene Süßstoffe sind mit dem Vorurteil belastet, dass sie für die Entstehung von Krebs verantwortlich seien. "Über dieses Thema streitet sich die Wissenschaft nach wie vor", sagt Roman Jowanowitsch vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Schuld daran ist eine Studie mit Ratten aus den 1960er-Jahren. Die Versuchstiere nahmen täglich eine viel größere Süßstoffmenge auf, als Menschen normalerweise essen würden. Viele der Ratten bekamen daraufhin Blasenkrebs.

Auch der synthetisch erzeugte Süßstoff Aspartam stand einst im Verdacht, krebserregend zu wirken, weil der Körper diesen Süßstoff verstoffwechselt und dabei geringe Spuren Methanol entstehen. Dieser Alkohol kann in großen Mengen Krebs fördern. Er kommt aber in Süßstoff nie in so hohen Dosen vor, dass das Stoffwechselprodukt gesundheitsschädlich wirkt. Mittlerweile belegt auch eine Studie der Europäischen Lebensmittelbehörde aus dem Jahr 2006, dass Aspartam in verzehrüblichen Mengen unschädlich ist. Das gilt ebenfalls für Cyclamat und Saccharin, bestätigt der Ernährungsmediziner Sven-David Müller: "Es wurde wiederholt und wissenschaftlich eindeutig bewiesen, dass Cyclamat und Saccharin beim Menschen keinen Krebs erzeugen können."

Süßstoff macht dick

Obwohl Süßstoff wenig oder keine Kalorien hat, nehme man langfristig nicht ab und statt dessen sogar zu, lautet eine ältere Theorie. Schuld an dieser Vermutung ist diese Vorstellung: Süßer Geschmack signalisiert dem Körper, dass Kalorien zu erwarten sind. Die Bauchspeicheldrüse schüttet vorsorglich Insulin aus.

Wenn dann aber keine Kohlenhydrate in Form von Zucker kommen, sinkt der Blutzuckerspiegel durch das ausgeschüttete Insulin und Heißhunger entsteht. Diese Ansichten gelten inzwischen als widerlegt, sagt Professor Andreas Pfeiffer vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam. Demnach haben Süßstoffe keinerlei Einfluss auf die Regulationsmechanismen von Insulinausschüttung, Hunger oder Appetit. Die Rezeptoren im Darm, die die Freisetzung von Insulin stimulieren, werden nur durch richtigen Zucker angeregt, nicht durch die Ersatzstoffe. Grundlagen sind Studien aus den 1980er-Jahren, bei denen eine Gruppe mit Süßstoff gesüßtes Wasser zu trinken bekam, die andere reines Wasser. Die Süßstoff-Gruppe klagte später über ein stärkeres Hungergefühl.

Ein anderer Grund für diese Annahme ist die Energiekompensation: Nach dem Genuss von süßstoffhaltigen Lebensmitteln sei es möglich, dass man bei der folgenden Mahlzeit mehr Kalorien zu sich nehme, entweder unbewusst oder weil man glaubt, es sich nun aber "erlauben" zu können. Die Kompensation ist schwächer, wenn es sich bei dem Trägerstoff um Getränke handelt.

Mit Süßstoff kannman abnehmen

Beim Abnehmen helfen kann Süßstoff für sich allein genommen nicht: "Süßstoffe haben keine pharmakologische Wirkung, die das Körpergewicht senkt oder erhöht", sagt Ernährungsexperte Andreas Pfeiffer.

Übergewichtige werden nicht durch, aber gegebenenfalls mit Süßstoffen schlanker, da sie kalorienfrei sind. Wer grundsätzlich Zucker durch Süßstoff ersetzt, führt dem Körper dadurch weniger Kalorien zu.

Süßstoff wird für die Tiermast eingesetzt

Der Agrarexperte Professor Edgar Schult von der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig betont, dass Süßstoff nur zum Süßen und Aromatisieren von Kälber- und Ferkelfutter eingesetzt wird, um den Tieren den Übergang von der süß schmeckenden Milch zum herb schmeckenden festen Futter zu erleichtern. Nur bis zum vierten Lebensmonat dürfe das Futter Saccharin enthalten, in der Mastphase sei das Futter frei von Süßstoffen. Es gibt auch andere Meinungen: "Wer behauptet, nur die Geschmacksgewöhnung sei der Grund der Süßstoffzusätze vergisst, wozu die Tiere gezüchtet werden: Sie sollen möglichst schnell und viel fressen, damit sie bald schlachtreif sind. Ein Diätprodukt steht diesem Ziel aber im Weg", behauptet dagegen Udo Pollmer vom Europäischen Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften.

Karies kann man auch durch Süßstoff kriegen

Süßstoffe haben zwar die vielfache Süßkraft von Zucker, bringen aber die Zähne nicht in Gefahr. Die Bakterien im Mund können sie nicht zu Säure umbauen, die den Zahnschmelz angreift.

Süßstoff löstDurchfall aus

Süßstoffe stehen im Verdacht, abführend zu wirken. Dahinter steckt eine Verwechslung: Süßstoffe, die auch Zuckerersatzstoffe genannt werden, werden mit Zuckeraustauschstoffen durcheinandergebracht. Zuckeraustauschstoffe sind Zuckeralkohole, die auch in der Natur in bestimmten Obstsorten vorkommen. Anders als Süßstoffe wirken sie bei übermäßigem Verzehr abführend, denn der Stoff bleibt im Verdauungstrakt, bindet dort Wasser und verflüssigt so den Stuhl. Süßstoff selbst wirkt nicht abführend, wird aber aus geschmacklichen Gründen oft in Kombination mit Zuckeraustauschstoffen eingesetzt.

Da beim Trinken leicht größere Mengen aufgenommen werden, kommen Zuckeraustauschstoffe in Getränken nicht vor. Sie werden beispielsweise in Kuchen, Keksen, Marmeladen und Bonbons statt Süßstoffen eingesetzt, weil diesen bestimmte Eigenschaften fehlen: Sie geben keine Masse, um Kuchenteig zu unterstützen, konservieren nicht und lassen sich nicht in Bonbons lutschen, weil die Konsistenz nicht stimmt. Verwendet werden Zuckeralkohole wie Mannit (E-421), Xylit (E-967), Sorbit (E-420), Maltit (E-965) und Isomalt (E-953). Sie kommen unter anderem in zuckerfreiem Kaugummi und Zahnpasta zum Einsatz und haben einen Energiegehalt von rund zwei Kilokalorien pro Gramm.

Süßstoff löst Allergien aus

Immer wieder werden Süßstoffe mit Allergien in Verbindung gebracht. "Alle Lebensmittel können allergieauslösende Substanzen enthalten, sofern sie Proteine, Peptide oder Aminosäuren enthalten", sagt Ernährungsexperte Sven-David Müller. Im Zusammenhang mit Süßstoffen wurden bisher keine allergischen Reaktionen beschrieben.

Von Süßstoff wird man krank

Mögliche Zusammenhänge zwischen Aspartam und Kopfschmerzen, Allergien, Epilepsie oder Multipler Sklerose wurden in wissenschaftlichen Untersuchungen nicht bestätigt und die gesundheitliche Unbedenklichkeit der angegebenen Höchstmengen wiederholt bekundet.

Vor ihrer Zulassung werden Süßstoffe ausführlich auf ihre gesundheitliche Unbedenklichkeit geprüft. Eine Orientierung bietet die jeweils akzeptable tägliche Aufnahmemenge (Acceptable Daily Intake, ADI). Der ADI-Wert ist die Menge, die lebenslang täglich aufgenommen werden darf, ohne dass unerwünschte Wirkungen zu erwarten sind. Bei Verwendung der Süßstoffe in den üblichen Mengen werden die ADI-Werte kaum erreicht. Die Werte basieren auf Ergebnissen von Tierexperimenten, in denen über längere Zeit hohe Dosen des betreffenden Stoffes verabreicht wurden. Wichtig: Die aus den Tierversuchen errechneten Ergebnisse wurden noch einmal durch 100 geteilt, damit für den Menschen optimale Sicherheit gewährleistet ist. Die Höchstmengen werden permanent kontrolliert und bei Bedarf angepasst. Es ist allerdings recht kompliziert, die Mengen genau auszurechnen, weil auf den Produkten meist nicht angegeben ist, wie viel von den Stoffen verwendet wurde. Das Ausrechnen wird zusätzlich erschwert, weil viele Produkte mit mehreren Süßstoffen gesüßt sind, die alle unterschiedliche ADI-Werte haben. Bei Neotam sind es beispielsweise nur zwei Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht, bei Saccharin fünf, bei Cyclamat sieben und bei Aspartam 40 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Ernährungsmediziner Sven-David Müller gibt Entwarnung: "Es ist nicht möglich, mit Lebensmitteln den ADI Wert zu überschreiten. Es ist ja der akzeptable tägliche Höchstaufnahmewert (lebenslang)." Eine 65 Kilo schwere Frau dürfe zum Beispiel täglich fünf Liter Cola-Light vom 18 Geburtstag an bis zum Tode trinken, ohne den ADI-Wert zu überschreiten. Eine ADI-Überschreitung sei nur theoretisch mathematisch möglich, aber weder ess- noch trinkbar. Bei einer solchen Trinkmenge wären eher die Phosphatwerte und die Flüssigkeitsmenge problematisch.

Süßstoffe bestehen aus reiner Chemie

Trotz der E-Nummern sind einige der Süßstoffe Naturprodukte. Thaumatin wird zum Beispiel aus der in Afrika beheimateten Frucht Katemfe gewonnen, Neohesperidin-Dihydrochalcon aus den Schalen von Bitterorangen. Der Süßstoff Aspartam wird aus zwei natürlichen Eiweißbausteinen (Aminosäuren) hergestellt.

Schwangere dürfen Süßstoff nicht essen

Diese Frage ist nicht abschließend geklärt. Aspartam gilt als ungefährlich. In Tierversuchen mit Saccharin hat es aber eine gesteigerte Blasenkrebsrate gegeben, da der Fötus Süßstoff langsamer verstoffwechselt. Eine ähnliche Studie bei Menschen zeigte dagegen keinen Zusammenhang zwischen Blasenkrebs und einer frühen Aufnahme von Saccharin. Bei der Studie wird allerdings kritisiert, dass die Nachkommen nicht lange genug beobachtet wurden. Auch Kindern soll Süßstoff nichts anhaben können. Kritiker bemängeln aber, dass Süßstoff die Geschmacksbildung beeinträchtige, da er den natürlichen Geschmack der Speisen stärker überdecke als Zucker.

Süßstoffe sind teuer

Falsch. Im Vergleich zu Zucker ist die Süßstoff-Herstellung günstiger und wird darum in vielen Produkten eingesetzt. "Wenn Sie ein Glas Gurken kaufen, ist da Süßstoff drin, weil der billiger als Zucker ist", sagt Müller.

Das Fazit

Süßstoff hat in der üblicherweise aufgenommenen Menge keine gesundheitlichen Auswirkungen für den Menschen und löst keine Insulinausschüttung aus. Er ist aber auch nicht gesundheitsförderlich. Der Einsatz von Süßstoffen kann zur Einsparung von Energie sinnvoll sein und die Diabetes-Therapie erleichtern. Keinesfalls sollten Süßstoffe zusätzlich zu Zucker konsumiert werden, auch sind sie kein Freibrief für eine anderweitig erhöhte Nahrungsaufnahme.

Literatur

Mythos Süßstoff

von Sven-David Müller, Kneipp 2010, 14,90 Euro.