Die Frauen entwerfen und nähen die Kostüme beim Kaffeekränzchen, die Männer treffen sich an den Wochenenden bei einem Kasten Bier und zimmern die Wagenaufbauten für die Veedelszöch zurecht - das mag es so auch geben. Bei den Junge un Mädcher vum Erbhof aber ist alles anders. Das Vereinchen hat neun aktive Mitglieder, aber der Wagenbau ist quasi ein Ein-Mann-Betrieb. Rolf Dedy heißt der Verrückte. Er ist der Präsident.
Im Gewerbegebiet in Wesseling-Berzdorf entstehen auf Dedys Betriebsgelände, streng vor den Blicken etwaiger Konkurrenz abgeschirmt, alljährlich der große und der kleine Wagen für die Zöch plus die Accessoires für die Kostüme. Mit Rolf Dedy als Alleinunterhalter. Dem kann man nicht helfen, versichert Sohn Frank, ihm ist keiner gut genug.
Nicht weniger als fünf Mal in den letzten sechs Jahren trugen die Junge un Mädcher vum Erbhof den Sieg bei den Wagengruppen in den Veedelszöch davon und durften dafür im Rosenmontagszug mitgehen. Seine Anregungen bezieht Dedy senior meist aus der Zeitung. Diesmal hat er sich auf den Weltjugendtag gestürzt und insbesondere auf die Pänz aus aller Welt, die dazu erwartet werden. Sie lädt die Gruppe in den Veedelszöch nun zu einem Vergnügen ein, das bei Groß und Klein beliebt ist: Kirmes üvverall.
Auf dem großen Wagen schaukeln ein Karussell, eine Wurfbude, ein Riesenrad und ein Kinderkarussell durch die Straßen. Das Motiv taucht auch bei den Kostümen wieder auf: Auf einem Bauchladen wird die Wurfbude en miniature mitgetragen. Dedy junior hat dafür die Blechdosen gebastelt: Korken, die mit Alufolie umwickelt wurden, je dreimal sechs (also 18) pro Gruppenmitglied, macht bei 60 Teilnehmern 1080 Stück. Sein Vater macht also nicht wirklich alles alleine, auch seine Mitarbeiter im Betrieb (Reparatur und Verkauf von Holz- und Spezialpaletten) fassen da und dort mit an. Aber den Löwenanteil erledigt der Präsident.
Morgens um 5 Uhr rückt er an und arbeitet bis 15 Uhr für den Fastelovend. An sechs Tagen die Woche sind das 60 Stunden. Begonnen hat er im September 2004; bis Januar summiert sich sein (unentgeltlicher) Einsatz auf über 1500 Stunden - und das alles für ein paar Stunden Veedelszöch an Karnevalssonntag, an Karnevalsdienstag im Zollstocker Zug und, aber nur eventuell, im Rosenmontagszug.
Nachher landet fast
alles auf dem Müll
Da schmerzt es schon ordentlich, wenn die mit beträchtlichem Geschick und unendlicher Geduld gefertigten Dinge anschließend auf dem Müll landen. Nicht immer allerdings: Manche Details wie den FC-Geißbock sichern sich die Vereinsmitglieder, sagt Rolf Dedy.
Er benutzt eine Oberflächentechnik, die besondere Farbbrillanz erzeugt: Baumwollfasern, gemischt mit Wasser, Kleister, Farbe und Glitzerpartikeln, trägt er mit Kelle und Glättspan auf. Großflächig an der Wagenverkleidung aufgetragen, ist das noch okay, wenn auch anstrengend: Das Knien geht auf die Knochen. Aber nach zehn Wurfbüdchen an einem Tag? Danach bin ich lala. Alles mit der Hand, eine Piddelsarbeit, das ist Wahnsinn, sagt Dedy und seufzt: Ich bin bescheuert.
Sohn Frank und Ehefrau Roswitha beraten ihn und tragen Ideen bei. Einen Entwurf sucht man bei Dedy vergebens: Ich kann nicht zeichnen, ich muss das gleich immer bauen.
Gründer der Gruppe war 1966 Dedys Schwiegervater Matthias Breuer; einer seiner zahlreichen Brüder - Balthasar Breuer - besaß an der Ecke Bischofsweg / Marktstraße die Kneipe Zum Erbhof; von diesem früheren Vereinslokal hat die Gruppe ihren Namen. Irgendetwas geerbt, wie mancher glaubt, hat der Verein also nicht; er muss im Gegenteil noch eine Menge Geld mitbringen. Einschließlich TÜV, Versicherung und Kostümen kostet der Spaß rund 8000 Euro. Seine Arbeitszeit mit keiner Minute eingerechnet.
Warum tut sich der 58-Jährige das an? Der kölsche Jung gibt eine einfache Antwort: Wat wör der Kölner Karneval ohne die Schull- un Veedelszöch? Gar nichts!