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Nachrichtenbunker der BundesregierungDer Kalte Krieg war ziemlich heiß

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Außerhalb des Sendebunkers bei Kirspenich befindet sich der sogenannte "Papstfinger" - eine Antenne, die im Notfall ausgefahren werden konnte. (Foto: Steinicke)

KIRSPENICH – Das Thermometer im Maschinenraum zeigt nur knapp zehn Grad an. Die Zeit des Kalten Krieges ist hier unten im Bunker am eigenen Körper spürbar. Und obwohl schon seit mehr als 15 Jahren keiner der Motoren mehr gelaufen ist, liegt noch immer der Geruch von Diesel in der Luft. In den anderen Räumen riecht es irgendwie nach einer Zeit, in der die Welt wohl mehrfach am Rande des Dritten Weltkriegs stand. Bei einer solchen Katastrophe wäre die zentrale Dienststelle unter dem Boden des idyllischen Hardtwaldes zwischen Stotzheim, Kreuzweingarten und Kirspenich so etwas wie der zweite Nabel Deutschlands gewesen. Der komplette Funkverkehr der Bundesregierung wäre dann hier abgewickelt worden - in sicherer Entfernung zum Regierungsbunker in Bad Neuenahr-Ahrweiler und bis zu 30 Tage lang.

Vorräte für 30 Tage, aber keine Damentoilette

So lang hätten sämtliche Vorräte für die maximal 34 Mann im Funkbunker gereicht. Angefangen bei 80 000 Litern Diesel für die Motoren, die die Anlage mit Strom versorgt hätten, bis hin zu den Lebensmitteln. Frauen arbeiteten nicht in dem Bunker, deshalb gibt es auch keine Damentoilette. Eine räumliche Trennung zum Regierungsbunker war schon geboten, damit feindliche Kräfte den Schutzbunker in Ahrweiler nicht anpeilen konnten.

Ihren geheimnisvollen Charme hat die Anlage auf dem das 55 000 Quadratmeter großen Gelände auch 13 Jahre nach seiner Stilllegung nicht verloren. Auf einem Schild an der Zaunanlage, die das Areal komplett umgibt, steht: "Hochspannung! Das Berühren der Drähte ist lebensgefährlich." Zusätzlich ist der Zaun mit Nato-Sicherheitsdraht bestückt. Seltsame Antennenkonstruktionen und eine Betonzufahrt, die fast steil in die Erde geht, verraten die militärische Anlage vor Ort. Die acht Besucher, die an diesem Tag an einer Führung teilnehmen, schreiten über eine gut 40 Meter lange Rampe praktisch in den Waldboden hinein.

Am Eingang wartet nicht nur Michaela Karle, die die Führung übernimmt, auf die Gruppe, sondern auch das erste untrügliche Zeichen eines Bunkers: eine riesige Stahltür, die laut Karle "bis zu 30 atü" an Druck aushalten kann. Ein Schritt weiter befinden sich nun nicht nur der Hardtwald, sondern auch drei Meter dicke Betondecken über den Geschichtsinteressierten. Der 49 mal 38 Meter große Bunker ist in drei Sektoren und einen Hauptbereich unterteilt und extrem verwinkelt. Die Architektur sollte Druckwellen einer Bombe brechen. Die Räume wirken steril, und die Besucher fühlen sich ein bisschen wie ein Arbeiter, dem die Wache Zutritt zum Funkbunker gewährt hat. Am Eingang liegt der Bereich "Wohnen und Arbeiten" mit zwei sehr einfachen Duschen. Für eine Dekontaminierung hätten sie wohl nicht gereicht. "Wenn es zum Atomschlag gekommen wäre, wäre die Tür wohl verschlossen geblieben", sagt Karle. In den 33 Jahren Betriebszeit haben die Arbeiter über alles, was sie sahen, schweigen müssen. Auch vor den Ehefrauen. Im Schlafraum standen früher 34 Betten. Das wäre im Ernstfall die Maximalbelegung gewesen. Heute stehen dort einige Stühle und Tische. In der Ecke befindet sich ein schmales Regal mit Aktenordnern, auf denen der Bundesadler zu sehen ist.

Bei der Durchsicht der Akten ist Karle vor allem ein Eintrag in Erinnerung geblieben: "Laut einer Dienstanweisung mussten die vier Männer, die tagsüber Schichtdienst hatten, freitags immer die Fische im Aquarium füttern, da am Wochenende nie jemand vor Ort gewesen ist", erzählt Karle. Doch auch wenn kein Personal anwesend war: Ungesichert war die Anlage nicht. Laut Aktenvermerk wurden allein für eine private Sicherheitsfirma über 500 000 Mark ausgeben.

Die Akten, die heute eine spannende Informationsquelle sind, wurden ebenso zurückgelassen, wie eine leere Packung Zigarillos im Maschinenraum, die mal 5,10 Mark gekostet hat, sowie ein nie benutzter Kopf für eine der Antennen. Im Senderaum - dem Herzstück des Bunkers - steht ein Pult mit zwei Telefonen und drei Fernschreibe-Maschinen. Unter dem Fußboden liegen etliche Kabel. Die Sender, mit denen wohl das ein oder andere von ihnen mal verbunden war, sind zwar abgebaut, aber man kann sich auch ohne geschlossene Augen bestens vorstellen, wie hier Nachrichten angekommen sind und verschlüsselt in die weite Welt geschickt wurden. Das Ganze bei gut 30 Grad Raumtemperatur. In diesem speziellen Raum war der Kalte Krieg dann doch ziemlich heiß.

Was aus dem Bunker gesendet wurde, bleibt wohl ein ewiges Geheimnis, wenn es nicht vielleicht im Stasi-Archiv dokumentiert ist. Kabel mit der Aufschrift "BND" (Bundesnachrichtendienst) sind zu sehen, denn immer noch ist alles in einem Zustand, als könnte der Bunker sofort genutzt werden. Dabei ist bereits 1998 der Sendebetrieb eingestellt worden. Zwischen 1994 und 1996 war die komplette Technik auf den neuesten Stand gebracht worden - also nur zwei Jahre bevor der Bunker plötzlich Geschichte wurde. Gebaut wurde die Anlage mit dem höchsten Schutzgrad S9 von 1963 bis 1965. Die reinen Baukosten beliefen sich - ohne Versorgungs- und Sendetechnik auf 6,9 Millionen Mark.

Feinster Splitt gegen verstrahlte Luft

Anders als im Regierungsbunker an der Ahr ist in der Kirspenicher Sendestelle noch die Luftfilteranlage zu bestaunen, die laut Karle sogar atomar verseuchte Luft gereinigt hätte. Die kontaminierte Luft wäre unter anderem durch feinsten Splitt gereinigt worden. "Der ist so fein, den hätte ich gut für die Zwischenräume in meiner Einfahrt gebrauchen können", sagt eine ältere Dame während der Besichtigung. Draußen - also oberhalb des Bunkers - ist vom Kalten Krieg dann nicht mehr so viel zu spüren. Vor einigen Jahren hat die Firma "Forstbetrieb D & C Koppenburg GbR" das Grundstück als Zwischenlager für Langholz gekauft. Im Preis war der Bunker enthalten. Bereut hat der Stotzheimer Dieter Koppenburg den Kauf nicht. Vielleicht auch deshalb nicht, weil die Post für die Sendestelle immer an eine Adresse in seinem Heimatort Stotzheim adressiert war und in Stasi-Akten schon frühzeitig der Kirspenicher Bunker demnach mit Ortsangabe Stotzheim geführt wurde.

Nach knapp zwei Stunden Führung will der Kopf dann völlig beeindruckt SOS funken. Wo kann man schon ein Stück deutscher Geschichte anfassen, dessen Existenzgrundlage, nämlich ein Atomkrieg, zum Glück nie Realität wurde?