Willy nickt und lächelt, als seine Frau fragt: Willy, weißt du noch? Ja, er weiß es noch genau, wie er die kleine Tochter Andrea im Kinderwagen durch den Gürzenich schob und ihr hinter den Kulissen auf einer Bank die Windeln wechselte, während seine Frau auf der Bühne sang. Unsere Tochter nannten wir Fräulein 4711, weil sie ,immer mit dabei' war, wie in der Werbung, erzählt Marie-Luise Nikuta und erinnert sich an die ersten Schritte als kleine Rothaarige in die Männerbastion Sitzungskarneval.
Dort behauptet sie sich seit 1969. Mit Hilfe von Willy. Willy ist der Mann im Hintergrund, und ohne ihn wäre Marie-Luise nicht die Nikuta im Fasteleer geworden. Er hat Noten sortiert. Er hat sie über 30 Jahre lang von Auftritt zu Auftritt kutschiert. Und er hat sich nach der Arbeit als technischer Angestellter und trotz seines Judo-Trainings viel um die Familie gekümmert. Heute sind beide seit über 40 Jahren ein Paar. Geheiratet haben sie an einem 10.11. - ohne sich dabei etwas zu denken. Da hatten wir mit Karneval nichts zu tun. Noch nicht.
Willy, weiß du noch. . . ?, fragt die heute 65-Jährige, Willy nickt und Nikuta erzählt, dass sie ihm alle komponierten Lieder vorträgt. Ich bin sehr unmusikalisch, räumt der 74-Jährige ein, aber ich weiß, was ich nicht so gut finde, kommt auch anderswo nicht an. Und sie fragt genau, was ihm nicht gefällt. Marie-Luise Nikuta hat in Willy einen Ratgeber, aber ihren eigenen Kopf. Enkelkind Noëlle, viereinhalb Jahre alt, nennt sie wohl deswegen gerne meine kleine verrückte Oma.
Die Nikutas lernten sich 1960 auf der Florastraße kennen. Marie-Luise fiel gerade ein Eis herunter, und ihr künftiger Mann fand Gefallen an der jungen Dame, die später mit E paar Grosche för Ihs einen Hit landen sollte. Im Privaten sang die gelernte Versicherungskauffrau immer wieder gerne. Und eines Tages, am Elften im Elften, hörte ihr Mann einen Aufruf im Radio zur Närrischen Hitparade und meinte zu seiner Frau: Das kannst du auch. Aber da war sie gerade schwanger. Stattdessen sang Fritz Weber für sie den Song Kölsch, Kölsch, Kölsch. Er gewann mit der Single. Das spornte Marie-Luise Nikuta an. Sie stellte sich ein Jahr später, 1969, dem Festkomitee vor und erhielt einige Aufträge. Von den ersten Gagen wurde ein Klavier gekauft. Sie schrieb seitdem 145 Lieder, komponierte 25 Mottolieder. . .
Mein Mann hat immer an mich geglaubt, freut sich Marie-Luise Nikuta. Das war sehr wichtig. Ich war ja eine der ganz wenigen Frauen in der Männerhierarchie. Manche haben uns auch belächelt. Es gab ein paar Machos, auch heute noch, die würden Frauen nicht so tolerieren. Wenn jemand auf einer Herrensitzung sagte, wat will die denn, war uns dat ejal. Sie amüsieren sich immer noch über ein Bonmot ihrer Kleinen vor Jahrzehnten, als der Präsident der Lyskircher Junge zu Hause anrief und Tochter Andrea im Gespräch die Rollenverteilung so erklärte: Meine Mama singt Kölsch, und mein Papa trinkt Kölsch. Aber nicht, wenn er hinter dem Steuer sitzt: Da bin ich eisern.
Jetzt chauffiert Willy seine Frau aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr. Ein guter Freund hat die Aufgabe übernommen. Der sagt, mein Gott, Willy, dat de dat 30 Johr jemaat häs, is en Leistung!, berichtet Marie-Luise Nikuta und freut sich, dass sie weiterhin eine Menge Auftritte absolviert. Das ist schön, sagt sie, wenn man anderen Menschen eine Freude bereiten kann. Und Willy bleibt ihr Begleiter.