Köln – Es ist nicht so, dass Manfred K. nichts unternommen hätte. An den Bundesrechnungshof und das Innenministerium des Landes hat er geschrieben, wohlwissend dass eigentlich andere verantwortlich sein müssten. Aber was macht man nicht alles, wenn man nicht mehr weiter weiß. Der 46-Jährige lebt seit über drei Jahren in einer Wohnung ohne Dusche. Eine heruntergekommene Bleibe an der Berliner Straße in Mülheim, in die der Sozialhilfe-Empfänger von der Stadt eingewiesen wurde. Andernfalls hätte er auf der Straße gestanden.
In dem Bescheid ist von einem Bad die Rede, das bei Manfred K. ebenso fehlt, wie bei Bajram M., der eine Etage tiefer wohnt. Hausen müsste man es eigentlich nennen: Der untergewichtige Kosovo-Albaner macht den Eindruck eines Obdachlosen, der sich in einem vom Abriss bedrohten Haus eingenistet hat. Doch der 62-Jährige hält eine Mietbescheinigung von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GAG in den Händen. „Nur mit Bad / WC in der Wohnung“ heißt es dort. Die 171,49 Euro Miete zahlt die Stadt, denn auch Bajram M. bekommt Sozialhilfe. „Warmmiete“ wäre der falsche Begriff, da es in dem Haus keine Heizung gibt. Bajram M. hat noch nicht mal warmes Wasser. Dafür einen kleinen Heizungsradiator, den er auf dem Müll gefunden hat. Neulich sei der Gerichtsvollzieher da gewesen: „Weil ich im Winter geheizt habe, sind die Stromkosten so angestiegen, dass ich sie nicht mehr bezahlen konnte“, erklärt M. Wie sein Nachbar bekommt er 351 Euro im Monat.
Zum Duschen fahren die Männer zur „Überlebensstation Gulliver“ am Hauptbahnhof. Eine Zeit lang sei das nur „schwarz“ gegangen, erzählt K.: Ohne „Köln-Pass“ kostete die Monatskarte über 60 Euro. Zu viel für ihn: Sechsmal wurde er auf dem Weg zum Duschen ohne Ticket erwischt. Der Richter am Amtsgericht ließ ihn laufen: „Der hatte meine Situation erkannt.“
Schon im verschmutzten Hausflur mit den kaputten Briefkästen wird klar, dass hier einiges im Argen liegt. Ein ekeliger Geruch aus kaltem Tabak, versifften Böden und schwarzem Schimmel macht sich breit. Im Dachgeschoss wird er stärker: Hier wohnte bis Juni ein psychisch auffälliger Mann. Lothar C. hätte hier nicht unbeaufsichtigt wohnen dürfen, ist K. überzeugt. Immer wieder kam es in dem Haus zu nächtlichen Randalen und Vandalismus, bestätigt die Polizei. „Im vergangenen Jahr hatten wir dort knapp 20 Einsätze“, berichtet Sprecher Wolfgang Baldes. „Es hat nicht viel gefehlt, und jemand hätte den Typ totgeschlagen“, sagt K. Von einem Junitag an war plötzlich Ruhe: C. kam unter die Räder einer Straßenbahn. Beide Beine mussten ihm amputiert werden. Seitdem habe keiner mehr die Wohnung betreten, sagt K. und erzählt, wie „der Irre“ früher einmal Grillkohle ins Treppenhaus geschüttet habe. Und dass manchmal Kot an den Wänden gewesen sei.
Verständlich, dass solchen Leuten keine Nobel-Herberge angeboten wird. „Eine Gesellschaft muss verlangen können, dass ein Mieter seinen Verpflichtungen nachkommt“, sagt Stadt-Sprecherin Inge Schürmann. Es gebe selbstverständlich bessere Sozialwohnungen in Köln. Aber: Eine Dusche sei laut Gesetz „nicht zwingend erforderlich“.
Je besser man sozialisiert ist, desto größer ist die Chance, eine bessere Unterkunft zu finden, sagt Schürmann. Klar, dass der erste Schritt dafür Arbeit ist. Logisch auch, dass derjenige auch arbeiten will. Manfred K. kann nicht. Nach Rundschau-Informationen wurde er aus der Arge genommen, da er als arbeitsunfähig gilt. „Psychische Probleme“, heißt es. Manfred K. sagt selbst, dass er nicht gesund sei. „Die ganzen Umstände haben mich fertig gemacht. Ich muss zusehen, dass ich aus diesem Umfeld raus komme.“ Das weiß er. Aber wie ist er da reingekommen?
Manfred K. musste sich schon früh an ein Leben mit Anträgen, Bewilligungen und Ablehnungsbescheiden gewöhnen. Seine Jugend verbrachte er in Pflegefamilien und Heimen, nachdem sein Vater gestorben war. Die Mutter war überfordert. K. machte eine Verkäuferlehre und arbeitete 16 Jahre in einer Papierfabrik. Der Abstieg begann mit der Kündigung, die in beidseitigem Einvernehmen geschehen sei. K. sah sich ungerecht behandelt. Die psychischen Probleme nahmen zu. Neue Jobs: Fehlanzeige. „Und irgendwann bist du ganz unten.“ So weit unten, dass derzeit geprüft wird, ob K. in der Lage ist, pro Tag eine dreistündige Tätigkeit zu übernehmen.
Seine Wohnung sieht sauber und aufgeräumt auf. Viel mehr kann man aus ihr auch nicht machen. An der Wand hängen Kinoposter, ein Plakat vom Circus Roncalli - was man sich eben so aufhängt, wenn es nicht viel kosten darf. Einen Kleiderschrank hat Manfred K. nicht, obwohl er ein Anrecht darauf hätte. „Das geht aber“, wiegelt K. ab. Seine Sachen bewahrt er in hoch gestapelten Süßigkeiten-Kartons auf. Gewaschen wird im Plastikeimer.
Eine Mitarbeiterin des Sozialamts stattete K. am 24. August einen Besuch ab. Für die „Bedarfsfeststellung“, wie es im Amtsdeutsch heißt. Der Tag war ein erfolgreicher für K.: Ihm wurden zwei Heizkörper zugesagt.
Die GAG erklärte gegenüber der Rundschau, dass es sich um „Wohnungen mit einfachstem Minimalstandard zur Versorgung von Notfällen“ handele. Es gehe darum, Obdachlosigkeit zu vermeiden. „Leider sind nicht alle Wünsche umsetzbar.“ Die GAG betonte, die Beschwerden sehr ernst zu nehmen und die Standards mit der Stadt zu prüfen. Wie GAG-Sprecher Dirk Kästel sagte, wolle man wegen der fehlenden Duschen zu einer „pragmatischen Lösung kommen“.
Bis dahin müssen die Bewohner weiter zum Bahnhof fahren. Dort kümmert sich Schwester Alexa um Obdachlose. Da sie für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen wurde, bekam im Juni auch K. eine Einladung zur Verleihung: „Der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, Dr. Jürgen Rüttgers, würde sich freuen, Herrn Manfred K. in der Staatskanzlei begrüßen zu können.“ Er ist nicht hingefahren.
