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Paralympicssieger Alexander SpitzErst an der Spitze, dann ganz unten

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Ein Bild, das um die Welt ging: Nach diesem spektakulären Sturz in Japan 1998 musste der vierfache Paralympicssieger Alexander Spitz seine einzigartige Karriere beenden. (Foto: Hain)

Wesseling – WESSELING. Er liegt quer in der Luft, der Körper in sich verschlungen. An seinem einzigen Bein trägt Alexander Spitz einen Ski, in den Händen zwei mit verlängerten Skispitzen versehene Krücken. Über ihm nur der blaue Himmel, unter ihm die weiße Piste, strahlend, unschuldig. Der Aufprall aber wird hart sein.

Es gibt ein Foto von dieser unwirklichen Szene 1998 in Nagano. Ein Bild, das um den Globus geht. Es sei das „weltweit am häufigsten veröffentlichte Foto im Behindertensport“, sagt der 41-Jährige. Unzählige Titelseiten hat es gefüllt, gerade in den USA. Eine schöne Erinnerung dürfte diese Aufnahme indes nicht sein für Spitz, für den nach diesem spektakulären Sturz bei den Paralympics vor zwölf Jahren in Japan Schluss ist mit einer Behindertensportkarriere auf höchstem Niveau. Endgültig. Denn er bricht sich das Fersenbein. Das schnelle Ende seines Comebacks.

Doch Spitz ist so etwas wie ein Experte für Schicksalsschläge. Und deshalb macht sich der gebürtige Schwabe, aufgewachsen im Örtchen Menzenschwand, gleich auf per Bahn ins Rheinland, ohne störende Gedanken an das Erlebte im Gepäck, aber mit einer Prothese am rechten und einem Gips am linken Bein. „Meine Freunde“, sagt Spitz, „meinten damals, ich hätte sie nicht alle.“

Doch die Sehnsucht ist stärker als der Schmerz. Denn dort, in Wesseling, erwartet ihn eine junge Dame, seine heutige Frau Regina, die er schon sein halbes Leben kennt. „Sie kam jedes Jahr mit einer Jugendgruppe nach Menzenschwand. Gefunkt hat es aber erst 1998, kurz vor Nagano“, erzählt Spitz, dem es an Medaillen aller Colheur (darunter vier Mal Gold) in seiner langen paralympischen Laufbahn nicht mangelt. Zahlreiche Medaillen bei Weltmeisterschaften komplettieren seine Sammlung.

Trotz aller Rückschläge, Spitz ist keiner, der jammert, hadert. Er richtet seinen Blick nach vorne, so wie er es immer macht. „Das sportliche Ende war der Anfang eines neuen Lebens“, sagt Spitz.

Fußballspielen

mit Prothese

Erfahrung mit neuen Lebensumständen sammelt Spitz reichlich. 1979 stellen Ärzte eine unheilvolle Diagnose: Knochenkrebs. Amputation des rechten Beines oberhalb des Knies. Langwierige Chemotherapie. Da ist er zehn. Erst zehn. Er bekommt eine Prothese. „Einen Sportler zeichnet aus, dass er mit Niederlagen umgehen kann, die Kraft entwickelt, wieder aufzustehen“, sagt er - und hat zunächst nur einen Gedanken: „Wann kann ich wieder Skifahren und kicken?“ Die Antwort findet er selbst: Zunächst einmal muss der kleine Alexander auf seinen geliebten Fußball verzichten, aber die Pisten runter geht s auch auf einem Bein, gerade für einen, der schon mit drei Jahren auf den Brettern steht. Später, erzählt er, habe er auch wieder Fußball gespielt, im Tor.

Es geht aufwärts. 1990 kann sich Spitz von seinem Arbeitgeber, der Sparkasse, als erster deutscher Behindertensportler für das Skifahren freistellen lassen. Er trainiert sogar bei den nichtbehinderten Sportlern des Nationalkaders mit. Der Erfolg ist sein ständiger Begleiter, er nimmt an vier Paralympischen Winterspielen teil. Erst der Sturz in Nagano beendet seine Karriere endgültig.

Es beginnt ein neuer Abschnitt. Wieder einmal, diesmal in Wesseling. Seine Familie - neben seiner Frau Regina (42), einer Fotografin, sind dies die Kinder Falko (10) und Lucie (9) - ist jetzt sein Mittelpunkt. Das Verlangen nach Sport verschwindet Der schwäbische Bursche fühlt sich wohl am Rhein, zieht später nach Urfeld. Ist glücklich.

Ein Zustand, der sich 2004 ändert. Ganz plötzlich. Hautkrebs in der Vorstufe diagnostiziert ein Arzt. Zwischenzeitlich geht es ihm wieder besser. Doch es ist wie verhext. Sein Körper rebelliert. Die Kraft fehlt. Er schläft kaum. Die Zunge schwillt an, Spitz bekommt kaum Luft und schnarcht heftig. Die Glieder schmerzen, manchmal sein ganzer Körper. „Ich hatte fünf Liter Wasser im Gesicht“, sagt Alexander Spitz.

Erst ein Homöopath aus Brühl erkennt die Ursache für das Aufschwemmen seines Körpers. In der Hypophyse, der Hirnanhangsdrüse, wird ein Adenom entdeckt. Ein Tumor, ein gutartiger zwar, aber einer, der eine Akromegalie (ausgeprägte Vergrößerung der Körperendglieder) nach sich zieht. Über diese Krankheit, sagt er heute, könne man „nichts Lustiges lesen“.

Dem früheren Spitzensportler bleibt nichts anderes übrig: Das Adenom muss operativ entfernt werden. Das ist länger als zwei Jahre her. Doch die quälende Zeit ist da noch lange nicht vorüber. Sein Körper verträgt die Hormonumstellung nicht, rebelliert erneut. Alleine der Gang zum Edeka-Markt um die Ecke kommt ihm vor wie ein Weltreise. „Ich war fix und fertig.“

Fünf Liter Wasser

im Gesicht

Erst Anfang 2009 ändert sich dieser unerträgliche Zustand, nach einem Besuch bei Dr. Wolfgang Ehses, einem Endokrinologen aus Köln. Heute, sagt er, gehe es ihm wieder gut. Alexander Spitz hat seine Leistungsgrenze weiter oben angesiedelt, viel weiter. Er hat neue Aufgaben übernommen. Neben seinem Job bei der Sparkasse fungiert er bei den Paralympics im Februar in Vancouver als TV-Experte für die ARD. Auch für das Paralympische Institut in Bonn und für die Deutsche Krebshilfe engagiert sich Spitz. Und seit kurzem unterstützt er als Botschafter die Olympia-Bewerbung Münchens für die Winterspiele 2018. Die Kraft ist zurück. Endlich. Und so soll es bleiben.