EINRUHR. Als die Rurtalsperre vor 50 Jahren aufgestockt wurde, war das für viele Menschen ein einschneidendes Ereignis. Zahlreiche Einwohner der Orte Pleushütte und Einruhr mussten umsiedeln oder verließen ihre Heimat ganz. Dicht beieinander, lediglich durch die Rur getrennt, lagen sich die beiden Orte damals gegenüber.
Pleushütte war dem Untergang geweiht, seine Geschichte endet mit der Aufstockung. Das Eisenwerk wurde geschlossen, Familien umgesiedelt, Häuser abgetragen und das Gebiet geflutet. Einige sind ins Bergische Land gezogen, weil sie dort ähnliche Bedingungen wie hier in ihrer Heimat vorfanden, weiß der in Pleushütte geborene Siegbert Heup. Einruhr hingegen wurde zum Dorf am See und stieg zu einem bedeutenden touristischen Ziel in der Region auf.
Doch schon vor der Aufstockung seien Touristen gerne nach Einruhr gekommen, erklärt Heup. Der Fremdenverkehr habe bereits mit dem Bau der Urfttalsperre (1900 bis 1905) begonnen. Die Gäste kamen, um in der Rur zu baden und bezahlten 20 Pfennige, um bei den Bauern auf den Heuböden zu schlafen, erinnert sich Heup. Anfangs habe in den Gästezimmern lediglich ein Krug mit Wasser zum Waschen gestanden, in den 1960er Jahren seien dann die ersten Schilder aufgetaucht, die mit fließendem warmen Wasser in den Pensionen warben.
Das Gesicht des ehemals stillen Bauerndorfs änderte sich nach der Aufstockung grundlegend. Ein Bauleitplan schuf die Voraussetzungen und die Grundlagen für eine neue Gestaltung des Dorfes. Rund 200 Morgen wurden angeschüttet und Begrünungsmaßnahmen vorgenommen, um das Land vor der Wasserflut zu bewahren. Zwölf Häuser wurden in Einruhr abgerissen und auf dem angeschütteten Gelände wieder neu errichtet. Alte Häuser wurden unterbaut und aufgestockt, neue Häuser gleich neben den alten wieder aufgebaut. Anfangs waren die Menschen schwer gegen die Aufstockung, aber das hat sich gelegt. Man muss das positiv sehen, schließlich haben die Einwohner damals clever verhandelt, sagt Gregor Breuer aus Einruhr. Und Ortsvorsteher Christoph Poschen pflichtet bei: Die Einruhrer haben mit der Situation längst ihren Frieden geschlossen, der Slogan ,Einruhr - Dorf am See ist zu unserem Markenzeichen geworden.
Über Jahre hinaus bot Einruhr das Bild einer einzigen Großbaustelle. Im Zuge der Neugestaltung des Dorfes wurde am Ufer des Sees ein Badestrand ausgebaut und ein Landesteg für die Elektroboote der Rursee-Schifffahrt eingerichtet. Die B 266 musste auf einer Strecke von zwei Kilometern verlegt und die Rurbrücke im Zuge der Bundesstraße erneuert werden.
Eine der wichtigsten Maßnahmen war der Bau einer modernen Ortskanalisation mit Kläranlage, die auch den Anforderungen eines Ferien- und Fremdenverkehrsortes zu entsprechen hatte. Für die durch die Aufstockung verloren gegangene Trinkwasserversorgung in der Talsohle musste Ersatz geschaffen werden und ein neuer Hochbehälter mit einer durch den Obersee verlaufenden Rohrleitung von Rurberg zum Hochbehälter gebaut werden. Deshalb waren wir seinerzeit einer der ersten Orte, die kanalisiert wurden, erinnert sich Heup.
Nebenher liefen die Aufschüttungsarbeiten und die Befestigung der einzelnen Baustellen. Erst danach konnte mit den Straßenbauarbeiten begonnen werden. Der Friedhof musste verlegt und eine neue Schule gebaut werden. Dazu kamen noch umfangreiche Folgemaßnahmen wie der Bau eines großen Parkplatzes und des Rondells am Ortsausgang in Richtung Jägersweiler. Das Seeufer und die Ortslage wurden gärtnerisch gestaltet und begrünt.
Mehr als 30 neue Hotels, Restaurants und Pensionen schossen in verhältnismäßig kurzer Zeit aus dem Boden. Seit 50 Jahren schmückt sich Einruhr nun mit dem Titel Dorf am See. Dieses Jubiläum wird am 20. und 21. September mit einem großen Fest gefeiert. Dazu sind insbesondere auch die ehemaligen Einwohner von Einruhr und Pleushütte eingeladen.