BONN. Pollenkörner - ein Thema, mit dem sich nicht nur Allergiker und Mediziner auseinandersetzen. Für den Bonner Paläobotaniker Professor Dr. Thomas Litt sind die staubfeinen Teilchen Boten längst vergangener Zeit, Indikatoren für Vegetations- und Klimaveränderungen, Siedlungsentwicklungen und nicht zuletzt Hinweisgeber bei der Einschätzung derzeitiger Wärme- und Klimaschwankungen.
Die Pollenkörner, die Litt untersucht, lagern in Sedimentschichten am Grund der Eifelmaare (Vulkanseen). Sie sind zum Teil bis zu 15 000 Jahre alt. Ihre Hülle ist äußerst resistent, erklärt Litt. Er sitzt im Keller des paläontologischen Instituts vor einem wuchtigen Mikroskop. Mit Flusssäure oder Kalilauge lösen wir sie aus den Sedimentproben, präparieren sie und werten dann aus, wieviel Pollen von welcher Art in der jeweiligen Schicht vorhanden sind. In einem würfelzuckergroßen Bröckchen sind bis zu 200 000 Körner eingeschlossen. Je tiefer die Schicht, umso älter die Körner. An interessanten Stellen entnehmen wir unseren Bohrkernen jeden Zentimeter Material. Damit erreichen wir eine zeitliche Auflösung von wenigen Jahren.
Die auffällige Zunahme von Kräuterpollen in den Sedimentschichten der Jungsteinzeit verweist zum Beispiel auf den Beginn des Ackerbaus, ein Rückgang Mitte des 14. Jahrhunderts möglicherweise auf die Pest, die die Landwirtschaft fast zum Erliegen brachte.
Hauptforschungsgebiet Litts ist jedoch das Klima. Die Standortansprüche der Pflanzen lassen Rückschlüsse auf Temperatur und durchschnittliche Niederschlagsmenge am Fundort der Pollen zu. Vergleicht man heutige Verhältnisse mit der vom Menschen unbeeinflußten Zeit vor rund 120 000 Jahren, kann man die aktuell beobachtete Erwärmung besser einschätzen, so Litt.
Klimaschwankungen gab es tatsächlich schon in der Vergangenheit, hervorgerufen durch Veränderungen der Sonnenaktivität oder der Erdparameter. Entscheidend ist, wie hoch die Erwärmung ist, und welche Gegenmaßnahmen getroffen werden. Prognosen über zukünftige Klimaentwicklung in unseren Breiten will Litt allerdings nicht wagen. Nur so viel: Die Warmzeiten der letzten 500 000 Jahre dauerten durchschnittlich 11 000 Jahre. Nach unseren Untersuchungen begann unsere derzeitige Warmzeit vor ziemlich genau 11 590 Jahren. (vme)