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Prozess Töchter suchten Hilfe beim Jugendamt

„Ich bin ein Mal fremdgegangen. Das hat zur Katastrophe geführt. Einen Fehler macht jeder mal.“ Das antwortete der wegen des Doppelmordes angeklagte Mustafa Tilki (42) dem Gerichtsgutachters auf die Frage, wie er denn dazu stehe, dass er zwei Menschen erschossen habe. Diese Bagatellisierung der Tat sei „sehr lapidar gewesen“, sagte gestern der Psychopathologe Professor Eckhard Michael Steinmeyer, der Tilki untersucht hatte. Der 42-Jährige hat zugegeben, seine Ex-Freundin Laura V. (29) und deren 34-jährigen Arbeitskollegen Andres O. erschossen zu haben.

Der Gutachter kam zu dem Ergebnis, dass Tilki über eine unterdurchschnittliche Intelligenz verfüge. Er sei leicht reizbar und wolle gerne über andere bestimmen. Vor allem bei Beziehungsverlusten könne bei solchen Menschen die Impulskontrolle vermindert sein. Obwohl eine Dolmetscherin hinzugezogen wurde, habe er wegen der „Sprachschwierigkeiten“ des Angeklagten bei der Untersuchung nur einen Teil der üblichen Tests durchführen können.

Tilki sei sehr unzugänglich und ablehnend gewesen. Nach der Begrüßung im Gefängnis habe er gesagt: „Ich bin nicht dumm, sondern krank.“ Damit spielte er auf seine angeblichen Depressionen an, für die er Medikamente brauche, wie er vor Gericht ausgesagt hatte. Die Angaben über Depressionen seien jedoch nicht stimmig, fand der Gutachter, zumindest zum Teil handele es sich um Simulation.

Ein Mitarbeiter des Jugendamtes berichtete, dass Tilkis Ehefrau ebenso wie seine minderjährigen Töchter Opfer von häuslicher Gewalt waren. Die beiden Mädchen hätten im Oktober im Jugendamt berichtet, ihr Vater schlage sie immer wieder. Diese Angaben hätten glaubhaft geklungen, so der Zeuge, der darauf ein Gespräch mit den Eltern anberaumte. Darin habe Mustafa Tilki die Gewaltanwendung gegen die Töchter komplett abgestritten. Er habe bedrohlich und aggressiv gewirkt. Das Jugendamt glaubte jedoch den Schilderungen der Töchter und nahm sie in Obhut. Später seien sie auf eigenen Wunsch zu den Eltern zurückgekehrt.

Der Angeklagte verfolgte die Aussage ohne erkennbare Regung. Der Prozess wird in der nächsten Woche fortgesetzt, dann werden auch die Plädoyers erwartet.