MOSKAU. Päpste, Könige, Minister, Bürger, Bettler. Vor Wladimir Putin sind alle gleich. Wer sich mit ihm verabredet hat, braucht vor allem Geduld.
„Not amused“ war zum Beispiel die Queen (80), als sie sich fürs St. Petersburger Arbeiterkind (53) ihre Beine in den Bauch stehen musste. Immerhin handelte es sich um die erste Audienz für ein russisches Staatsoberhaupt seit 1874. Mit „nur“ zwölf Minuten Verspätung beehrte Putin Buckingham Palace.
Ob beim malaysischen König, amerikanischen oder französischen Amtskollegen oder deutschen Regierungschefs - kein Treffen ist für Putin so wichtig, dass er Gesprächspartner nicht warten ließe. Gerhard Schröder hielt eigens Anekdoten parat, um die chronische Peinlichkeit vor den Fernsehkameras zu überbrücken. Andere Düpierte wetterten in den Kulissen lautstark darüber, dass Putin nicht wenigstens eine verlässliche Verspätung pflegt.
Sein Schnitt pendelt derzeit um 29 Minuten. Doch ebenso lässt er bis zu fünf Wartestunden verstreichen.
Mal verdammt er bei ihrem Weltkongress über 1000 Zeitungsverleger anderthalb Stunden lang zum Nichtstun im Kremlpalast. Verzweifelt intoniert die Staatskapelle das Repertoire. Höchstens eine Viertelstunde Verspätung war bis zu Putins Begrüßung zuvor eingeplant.
Der Kreml als größte Wartehalle der Welt
Mal wiederholt man in der Uralstadt Ufa ein Staatsbegräbnis. Erschöpft vom Warten auf den Präsidenten haben die Eltern der 2002 in Deutschland bei einem Flugzeugabsturz getöteten Kinder die Beisetzung endlich vollzogen und sich zum Traueressen entfernt. Beim Hauptgang kommt Putin doch noch, und alles rast auf den Friedhof zurück.
Dann wieder geht es anders herum. Weil 2004 ihr Präsident mit einer sagenhaft kurzen Verspätung von nur neun Minuten vor sie trat, wirkten Russlands Staatspreisträger überrumpelt. Sie hatten es sich schon ziemlich gemütlich gemacht.
Der Kreml ist die größte und schönste Wartehalle der Welt. Noch nie setzte sich Putin bei den bislang fast 300 Regierungssitzungen pünktlich an die Spitze seines Kabinetts. Militärmanöver werden verschoben, Inspektionen vertagt. Der Name des Präsidenten macht Uhren überflüssig.
Klagelieder singen Moskaus Autofahrer. Sowieso in einer oft verstopften Metropole unterwegs, leiden sie unter Putins „Korken“. Der gängige Begriff für einen Verkehrsstau signalisiert ständig Rekorde, denn die morgendliche Kolonne des Präsidenten zum Kreml verlangt absolut freie Fahrt. Bis über eine Stunde vorab werden Hauptverkehrsadern zu einsamen Rennstrecken umfunktioniert. Im Sommersmog kam es deshalb schon zu medizinischen Notfällen. Was besonders tragisch ist, wenn Putin es sich plötzlich anders überlegt und gar nicht erst startet.
Zum Glück speist er mittags im Kreml. Außerdem braust er meist erst am späten Abend zurück auf den Landsitz, wenn der Verkehr merklich dünner fließt.
Der Kreml handhabt die temporäre Unzuverlässigkeit des Zaren als Tabu. Dafür befassten sich russische Psychologen schon mehrfach vorsichtig mit der delikaten Materie. Für sie zählt der Präsident nicht zu den Menschen, die krankhaft unpünktlich sind. Im Gegenteil, sein planvolles Handeln ist legendär.
Andererseits kann Wladimir Putin nach Ansicht der Experten schlecht delegieren. Wie viele Aufsteiger aus einfachen Verhältnissen gibt er Verantwortung nur ungern ab. Lieber macht er alles selbst, kümmert sich um jedes Detail, ist ständig überlastet und vergisst deshalb den Blick auf die Uhr. Traut sich, wie es im obrigkeitshörigen Russland grundsätzlich geschieht, niemand, den Chef zu stören, sind Verspätungen programmiert.
