Rempeln, Raufen, Treten, Schlagen - schon Erstklässler haben oft ein erstaunlich großes Repertoire, um Mitschüler zu drangsalieren. Die Vorstellung, kleinere Kinder seien noch „unschuldig“ oder besonders friedfertig, wird in Pausenhallen und auf dem Schulhof jeden Tag aufs Neue widerlegt. „Die Aggressivität hat in jedem Fall zugenommen“, sagt Ingrid Dykstra, Familientherapeutin in Hamburg. „Es ist mehr und heftiger geworden und auch bei jüngeren Kindern häufiger zu beobachten.“
Die Hemmschwelle für aggressives Verhalten scheint insgesamt gesunken zu sein, sagt auch Professor Eiko Jürgens, Schulpädagoge an der Universität Bielefeld. „Allerdings sind wir Gewalt gegenüber auch sensibler geworden - zu Recht“.
Sofort eingreifen ist falsch
Doch nicht bei jedem Anzeichen von Aggression sollten Eltern gleich eingreifen: Eine kleine Rempelei könne auch eine positive Ventilfunktion haben, sagt Therapeutin Dykstra, die lange Erfahrung in der Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern hat. „Auch wenn Jungen sich prügeln, ist das im Rahmen, wenn es nicht regelmäßig vorkommt.“ Eltern, die bei Streit zwischen Kindern immer gleich dazwischen gehen, verhindern unter Umständen sogar, dass der Nachwuchs lernt, mit Konflikten selbst klarzukommen.
Eine scharfe Grenze zwischen akzeptablem aggressiven Verhalten und solchem, das nicht mehr hingenommen werden darf, gebe es nicht, sagt Anton Mayr vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München. „Es kommt auch darauf an, wie oft, in wie vielen verschiedenen Situationen und wie heftig ein Kind sich aggressiv verhält.“ Ein klarer Hinweis sei es aber, wenn andere Kinder Angst haben oder sich von dem aggressiven Mitschüler abwenden. Wichtig sei, den Kindern zu zeigen, was eindeutig nicht geht, sagt Dykstra: „Wenn einem anderen Kind Schaden zugefügt wird, ist der Punkt erreicht.“ Harte Strafen, vielleicht sogar durch Schläge, sind nach Anton Mayrs Einschätzung allerdings sinnlos.
Aggressive Kinder können den Schulalltag massiv durcheinander bringen. Ingrid Dykstra: „Sie tanzen aus der Reihe, schlagen sich, können nicht mit auf Klassenfahrt.“
„Mein Junge lässt sich nichts gefallen“
Die Ursachen für Aggression können ganz unterschiedlich sein. „Häufig haben Kindern nicht gelernt, Grenzen zu akzeptieren, weil die Eltern ihnen keine Grenzen mehr setzen“, erläutert die Expertin - die Kinder wissen schlicht nicht, wie weit sie gehen dürfen und wann Schluss sein muss. „Viele Kinder können sich heute aber auch nicht mehr genug austoben.“ In solchen Fällen muss man ihnen in der Freizeit einen Ausgleich bieten. „Sportarten wie Jiujitsu helfen Kindern zu lernen, mit Aggression umzugehen“, sagt Dykstra. Auch Boxen könne eine sinnvolle Alternative sein. Die Sorge, da würden Kinder erst richtig zuschlagen lernen, ist der Therapeutin zufolge nicht begründet.
Wenn kleine Kinder andere treten oder schlagen, sollten Eltern sie fest in die Arme nehmen, ihnen in die Augen schauen und unmissverständlich klar machen, dass das nicht geht. Nicht immer allerdings ist Eltern das Problem klar: „Manche sehen das sogar positiv nach dem Motto: Mein Junge lässt sich nichts gefallen“, sagt Eiko Jürgens. „In solchen Fällen müssen die Lehrer versuchen, den Eltern zu erklären, was daran nicht in Ordnung ist.“ Den Lehrern fällt eine wichtige Rolle zu: „Kinder kommen oft schon voller Misstrauen in die Schule. Sie brauchen ein Grundgefühl von Geborgenheit und Vertrauen“, erläutert Jürgens. „Das Schlimmste ist, wenn sich Lehrer über einzelne Schüler vor der Klasse lustig machen.“ Andere Schüler werden dadurch ermuntert.
Es liegt nicht immer an der Erziehung
Nicht immer haben Aggressionen ihre Ursache darin, dass Kinder nicht ausreichend erzogen wurden. „Manches ist auch angeboren“, sagt Dykstra. „Wir haben bei der Therapie immer wieder den Fall, dass sich ein Elternteil in vielen Verhaltensweisen schnell wieder erkennt.“ Auch körperliche Ursachen gibt es: „Ich kenne einen Jungen, der schon im Kindergarten oft ausgerastet ist und jetzt in der Grundschule noch häufiger“, erzählt die Therapeutin. „Er ist wahrnehmungsgestört. Wenn man ihn sanft anfasst, kommt das bei ihm gar nicht an, deswegen ist er auch grob zu anderen.“ In solchen Fällen kann eine Therapie helfen, bei der zum Beispiel die Sinneswahrnehmung trainiert wird.
Aggressionen bei Kindern können zudem Ursachen haben, die nicht beim Kind selbst liegen: Trennung, Scheidung oder andere schwierige Situationen in der Familie. Für Eltern ist das unter Umständen schwer zu erkennen. Manchmal kann dann ein Gespräch mit dem Lehrer hilfreich sein, eventuell auch mit dem Schulpsychologen. Auch Erziehungsberatungsstellen sind oft eine gute Anlaufstelle.
