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Rundschau-Herausgeber im Leser-Chat„Wir müssen experimentieren“

6 min

Verlässlicher Begleiter: Die Kölnische Rundschau, hier als E-Paper auf dem ipad

  1. Helmut Heinen ist seit 1991 Herausgeber der Kölnischen Rundschau in dritter Generation.
  2. Zum 75. Geburtstag der Zeitung stellte er sich im Video-Chat den Fragen unserer Leserinnen und Leser.

Ihr Großvater und Ihr Vater waren schon Herausgeber der Rundschau. Welche ersten Erinnerungen haben Sie an die Zeitung?

Mein Vater kam jeden Mittag zum Mittagessen nach Hause. So hatte ich das Vergnügen, manchmal auch die Last, fast jeden Tag etwas zu den anstehenden Themen mitzubekommen. Später habe ich dann auch schon mal einen Blick in kaufmännische Unterlagen werfen dürfen. Das kam meiner Zahlenneigung sehr entgegen.

Hatten Sie jemals den Gedanken, selbst Journalist zu werden?

Nein, das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich habe Mathematik studiert. Eine Alternative wären vielleicht alte Sprachen gewesen. Ich übe mich darin, Journalisten gute Ratschläge zu geben, bin aber selbst keiner.

Helmut Heinen – zur Person

Helmut Heinen, geboren 1955 in Köln, studierte nach dem Besuch des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums Mathematik und Betriebswirtschaftslehre. 1982 trat er in das elterliche Unternehmen Heinen-Verlag GmbH ein, wurde 1987 Geschäftsführer und Mitgesellschafter und übernahm 1991 als Herausgeber die publizistische Verantwortung für die Kölnische Rundschau. Seit 2007 leitet er die Rundschau-Altenhilfe DIE GUTE TAT e.V. mit einem von den Lesern der Zeitung zusammengetragenen Spendenvolumen von jährlich regelmäßig über 750 000 Euro.

Ehrenamtlich ist Helmut Heinen unter anderem als Mitglied des Hochschulrats der Technischen Hochschule Köln und als Vorsitzender des Vorstands der Kulturstiftung Kölner Dom tätig. Von 2000 bis 2016 war er Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger. Seit 1995 unterstützt er die Arbeit der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung, derzeit als Vorsitzender des Vorstands.

Wie hat sich die Rundschau im Laufe der Jahrzehnte verändert?

Das fängt beim Papier an, das in der Nachkriegszeit knapp und von minderer Qualität war. Druckmaschinen waren erst noch Vorkriegs-Maschinen, die in den 50er- und 60er-Jahren ersetzt wurden. Dann kam die Einführung des Offsetdrucks, der den täglichen Einsatz des Farbdrucks ermöglicht hat. Das war natürlich ein Quantensprung für die Zeitung.

Wie sehen Sie die Zukunft der Regionalzeitungen?

Die Werbeeinnahmen werden auch in Zukunft nicht mehr die Rolle spielen, die sie früher gespielt haben. Die Kosten für Produktion und Zustellung sind gestiegen. Unsere Aufgabe ist es, Kosten außerhalb des Journalismus in Grenzen zu halten. Daran arbeiten wir. Entscheidend ist es, genug zahlende Kunden zu finden. Es ist natürlich nicht gesagt, dass unser Angebot – wie es sich über Jahrzehnte bei der Rundschau entwickelt hat – das ist, was die Kunden auch in Zukunft ansprechen wird. Das heißt: Wir müssen experimentieren und herausfinden, was funktioniert.

Wie lange wird es denn die Zeitung in Papierform noch geben?

Eine Sache vorweg: Wir haben mit guter Resonanz die Zeitung auch im Internet verfügbar gemacht. Dieses Format können wir weitgehend ohne Herstellungs- und Vertriebskosten betreiben. Das ist eine große Chance. Gleichwohl hat das Papier seine Reize. Aber da stehen wir in einem gewissen Spannungsverhältnis mit den Zustellungskosten. Die Zustellung ist gerade in den ländlichen Regionen kostenintensiv. Aber ich bin mir sicher, dass wir Ihnen auch in zehn Jahren noch die Zeitung an die Tür bringen können.

Im Chat mit den Leserinnen und Lesern: Herausgeber Helmut Heinen.

Viele Menschen wissen offenbar nicht zu schätzen, dass guter Journalismus auch Geld kostet. Werden die Journalisten der Rundschau gut genug bezahlt, um die Qualität zu sichern?

Es gibt einen Tarifvertrag für Tageszeitungs-Redakteure. Der wird im Haus des Heinen-Verlags angewendet. Lokaljournalismus ist eine personalintensive Angelegenheit. Wir bezahlen unsere Journalisten ordentlich, versuchen auf der anderen Seite aber, Tätigkeiten zu automatisieren, für die man keine Journalisten braucht. Man muss es schaffen, ein vergleichbares Produkt wie früher zu produzieren, allerdings mit deutlich weniger Journalisten. Dazu gehört es auch, Synergien zu nutzen. Zum Beispiel, indem man Berichte aus der Berliner Politik von anderen Verlagen bezieht.

Was ist Ihnen als Herausgeber der Rundschau persönlich besonders wichtig?

Im Lokalen sind wir eine unverzichtbare Informationsquelle. Wenn es darum geht, in einen Landkreis zu gehen und dort eine Streitfrage über eine Verkehrsführung in einer Innenstadt zu führen, dann finden Sie keine anderen Medien mehr.

Inhaltlich liegt mir eine plurale Berichterstattung am Herzen, die Menschen mit unterschiedlichen Sichtweisen und Interessen abbildet. Es gibt aber auch Werte, hinter denen wir uns versammeln. Das sind die Grundwerte unseres demokratischen und sozialen Staates oder Themen wie Fairness, Toleranz oder Anti-Diskriminierungsthemen.

Wie wichtig sind für Sie Leserbriefe?

Ich halte die Leserbriefe für einen ganz wichtigen Bestandteil der Zeitung. Viele Briefe sind eine Bereicherung für die Meinungsvielfalt. Es gibt Leser mit Expertenwissen, wie es teilweise in den Redaktionen nicht vorhanden ist. Dann gibt es Leser, die sich einfach ihre Meinung von der Seele schreiben wollen. Mal mit klugen Argumenten, mal auch etwas kürzer gedacht. Ich freue mich über eine bunte Mischung. Es gibt aber auch Grenzen, denn wir haften für die Leserbriefe. Beleidigungen veröffentlichen wir zum Beispiel nicht. Gelegentlich kommt es auch vor, dass Leserbriefe falsche Tatsachen enthalten, wenn auch unbeabsichtigt. Auch das dürfen wir natürlich nicht ungeprüft veröffentlichen.

Eigentlich müsste der Lokalteil noch umfangreicher sein.

Ich könnte mir einen größeren Lokalteil auch gut vorstellen. Wenn es um eigenrecherchierte Themen geht, kommen wir aber schnell zur finanziellen Frage, da wir für mehr Themen auch mehr Lokaljournalisten bräuchten.

Ganz davon abgesehen, besteht eine wesentliche Aufgabe unserer Zeitung darin, den Menschen zu sagen, in welcher Verteilung sie sich Themen am sinnvollsten widmen. Wir liefern Ihnen ein Paket, das sie in einer gewissen Zeit durchlesen können. Mehr ist da nicht immer besser.

Warum beschäftigt sich die Rundschau so intensiv und kritisch mit dem Missbrauchsthema und der Kritik an der katholischen Kirche? Warum sieht die Rundschau da noch genauer hin, als in anderen gesellschaftlichen Gruppen, wo es ähnliche Missbrauchsvorwürfe gibt?

Zunächst mal: Man kann kaum deutlich genug machen, wie furchtbar diese Vergehen sind. Wir haben leider in unserem Verbreitungsgebiet in Bergisch Gladbach einen Kristallisationspunkt, wo eine große Zahl solcher Verbrechen bekannt geworden ist. Auch das war ein großer Schwerpunkt unserer Berichterstattung. Das gleiche gilt für die anderen Fälle in NRW.

Das Besondere an den Vorgängen im Erzbistum ist der Umgang der Verantwortlichen mit den Vorwürfen. Die Kirche hat einen moralischen Anspruch, der noch mal eine andere Dimension hat, als das im weltlichen Strafrecht der Fall ist. Die Umgangsweise ist nicht so transparent, wie man sie sich wünschen würde. Das ist unsere Aufgabe, das zu transportieren.

In der Politik gibt einen Vertrauensverlust zum Beispiel durch Vorteilsnahme im Amt. Ist die Aufarbeitung solcher Fälle auch Aufgabe der Zeitung?

Das ist sicherlich eine zentrale Aufgabe der Zeitung. In den meisten Fällen ist an solchen Vorwürfen etwas dran, wenn die Medien darüber berichten und die Beteiligten damit konfrontiert werden.

Ich erinnere mich an die Stadtwerke-Affäre in Köln. Dazu ist von uns viel geschrieben worden. In vielen Parteien führte das zu Konsequenzen. Der Gesellschaft tut es gut, wenn die Presse solchen Dingen nachgeht.

Die Karikaturen in der Zeitung gehen oftmals an Grenzen. Wo würden Sie persönlich sagen: Das kann man nicht bringen?

Die Karikatur hat die Freiheit – mehr als jeder andere Teil der Zeitung – sich von allen Vorgaben zu lösen. Eine durch Gesetze vorgegebene Grenze ist die Blasphemie. Ein Problem jenseits jeder Rechtsordnung ist manchmal der gute Geschmack. Darüber kann man streiten.

Hat die Corona-Pandemie eigentlich auch Ihre Arbeit als Herausgeber verändert?

Hier im Rundschau-Haus haben wir eine große Bereitschaft der Mitarbeiter feststellen können, sich auf die Situation einzustellen. Viele Mitarbeiter arbeiten von zu Hause aus. Ich habe den Vorteil eines eigenen Büros, in dem ich aber kaum noch Besucher empfange. Mein großer Besprechungstisch ist jetzt seit gut einem Jahr ungenutzt.

Aufzeichnung: Simon Westphal