Kurz bevor sie die Tür zum Lesesaal öffnen konnten, hieß es für die Besucher einmal tapfer sein: Denn im Treppenhaus stand ein Polizist, der den Umriss einer zuvor abgeholten Leiche und die nummerierten Beweisstücke am Boden bewachte. Doch glücklicherweise war der Tatort nur eine Attrappe und auch der Schutzmann war in Wirklichkeit eine Schaufensterpuppe.
Mit ihnen sollten die Gäste auf die Lesung Mord vor Ort in der geisteswissenschaftlichen Bibliothek der Fachhochschule eingestimmt werden, die Teil der Nacht der Bibliotheken in NRW war. In der Domstadt beteiligten sich vier Bibliotheken.
Dabei las etwa Gerd Köster im abgedunkelten FH-Lesesaal aus Peter Meisenbergs Köln-Krimi Schwarze Kassen, in dem Kommissar Löhr den Mord an einem Geistlichen aufklären muss. Wenn Du das so liest, bin ich so gerührt, dass ich so etwas Schönes schreiben konnte, freute sich der Autor über Kösters Darbietung, der mit seiner Interpretation der Tante Lisa begeisterte.
Während sich Kriminalbiologe Mark Benecke in der Zentralbibliothek der Sporthochschule auf Spurensuche zu Untersuchungsmethoden an Leichen begab, widmete sich die szenische Lesung Kritikerfressen von Herbert Hoven in den WDR-Arkaden der manchmal schwierigen Beziehung zwischen Literaten und Kritikern.
Derweil stand Nobelpreisträger Heinrich Böll im Mittelpunkt der Lesung in der Zentralbibliothek am Neumarkt. Autoren wie die blinde Pilar Baumeister lasen aus seinen und aus eigenen Werken. Ich lese Böll so gerne, weil er viele Hauptsätze verwendet. Als ich Deutsch lernte, waren seine Bücher für mich einfach zu verstehen, berichtete die gebürtige Spanierin. In Anlehnung an Und sagte kein Wort trug sie ihre in Blindenschrift gedruckte Erzählung Eine fremde Materie vor. Hermann Spix nutzte die Lebensgeschichte des Polizisten Karl Heme, der während der Nazizeit in die Verfolgung von Kommunisten verstrickt war, zu einem Vergleich: Manche Menschen passen sich an die Umstände ihrer Zeit an. Böll hingegen stand immer zu seiner Meinung. Auch als ihm vorgeworfen wurde, mit der RAF zu sympathisieren. Böll ist eben noch erschreckend aktuell, stellte Autorin Margit Hähnrich fest. (nah)