Euskirchen – EUSKIRCHEN - Am 15. Januar 1981 erblickt Robert Gormanns das Licht der Welt. Früh morgens - geradezu symptomatisch für sein Leben. Dieses verbringt er bis heute fast nur auf den Volksfesten. Als zweiter Sohn der Schaustellerfamilie „Gormanns & Söhne“ aus Düren verbringt Robby seine Kindheit auf dem Rummel, bis ihn seine Eltern auf ein Internat schicken: Der Junge soll den Realschulabschluss machen. Doch für Robby stand damals schon fest: Er wird Schausteller. „Das ist es, und das bleibt es auch“, sagt er. Seit er 18 Jahre alt wurde, ist Robby selbstständig tätig. Seinen Firmensitz hat er nach Rostock verlegt. Dieses Jahr seien es 26 Volksfeste, auf denen er sein Riesenrad „Liberty Wheel“ zusammen mit seiner Frau Natascha Liebe betreibt. So ziehen die beiden mit ihren zwei Söhnen von Ort zu Ort.
Vor wenigen Tagen: Das Abbauen des 38 Meter hohen Riesenrads in Wetzlar steht an. Es muss sehr schnell gehen. Seit die Kirmes um 22 Uhr geschlossen hat, sind Robby und seine Mitarbeiter im Einsatz. Um vier Uhr morgens ist Schluss: Schlafen. Nach vier Stunden geht es schon weiter. Um 12 Uhr fährt das Team in den Trucks los - Richtung Euskirchen. Pausen gibt es nicht. „Wir arbeiten sieben Tage die Woche, 16 Stunden am Tag“, sagt Robby.
Acht Uhr morgens. Der Wecker hallt durch den 55 Quadratmeter großen Wohnwagen. Dann steht erstmal ein Familienfrühstück mit den Kindern auf dem Programm. Die wenige Zeit mit den Kindern nutzt das Paar immer. Dann verlässt Robert Gormanns seinen Wohnwagen. Elektronik überprüfen, Schrauben festziehen, Gondeln reinigen. Als Schausteller sei man Elektriker, Schweißer und Mechaniker in einem.
Um 14 Uhr beginnt der Spielbetrieb. Die Resonanz sei von Standort zu Standort verschieden und vor allem wetterabhängig. Auch wenn es regnet, das Geschäft müsse geöffnet werden. Sonst schade man seinem Ruf - tödlich im Konkurrenzkampf. Allein in Deutschland gebe es 30 verschiedene Riesenräder. Es gehe also nur darum, wer am attraktivsten für die Veranstalter ist. Der Rest werde gnadenlos aussortiert, erklärt Gormanns.
Kann er sich überhaupt noch ein „normales“ Leben mit geregelten Arbeitszeiten vorstellen? „Nein“, sagt er. Nach zwei Wochen am selben Ort fange er schon an, sich abzulenken. Es kribbelt. Nur gut, dass seine Frau mit der gleichen Mentalität groß wurde. „Entweder man lebt es oder man muss es sein lassen“, sagt Robby. Aber natürlich gebe es auch bei ihm Punkte, an denen er denkt: Warum mache ich das noch? Wenn man 15 Stunden durchgearbeitet habe, im schlimmsten Regen abbaue und mehr oder weniger auf dem Zahnfleisch krieche. „Doch am nächsten Tag, wenn der Opa mit seinem Enkel in eine Gondel steigt und der Kleine übers Gesicht strahlt, dann ist alle Arbeit vergessen.“
Er sitzt mit seiner Frau im Kassenhäuschen. Sie ist für die Kasse zuständig. Robby streicht ihr dabei gelegentlich über den Rücken. Er weiß, sie hasst es, den ganzen Tag zu sitzen. Mittlerweile ist es dunkel in Euskirchen. Die Plätze füllen sich langsam. Für Robby sind es aber immer noch zu wenig Besucher. Schichtwechsel. Nun ist er der Kassenwart. Robby beeindruckt durch Multi-Tasking-Fähigkeiten. Während er fleißig Chips verkauft und - ruck, zuck - das Wechselgeld parat hat, erzählt er seine Lebensgeschichte. Gleichzeitig weist er die vier Mitarbeiter ein. Dann kommt endlich das Abendessen: Steak mit Pommes und Ketchup.
Das Riesenrad füllt sich währenddessen langsam. Aber Robby sind es noch viel zu wenig Besucher. Finanzkrise, drohende Arbeitslosigkeit - da sitze der Euro nicht mehr so locker. „Wir versuchen eigentlich, das ganze Jahr zu überleben“, sagt Robby. Doch die Leute sollen das nicht spüren. Sie sollen eine schöne Zeit verbringen.
Mittlerweile hat sich das kleine Kassenhäuschen gefüllt. Durch die kleine Heizung ist es schön mollig warm geworden. Robbys Sekretärin ist gekommen. Die Bewerbungen für die nächste Saison sind fertig und nun muss das attraktivste Bild ausgewählt werden. Davon hängt die künftige Auftragslage ab. Bald werden diese Bewerbungen an ungefähr 300 Veranstalter verschickt. Dann beginnt das Bangen. Erst Ende Januar gibt es Erlösung. Wenn 40 Veranstalter zusagen, ist das ein Erfolg. Ein Tourplan, der so wirtschaftlich wie nur möglich von A nach B führt, wird aufgestellt. Das sind alles Überlegungen, die im Urlaub im Winter getroffen werden müssen.
Langsam gehen jetzt auch im Riesenrad die Lichter aus und Robby und Natascha machen sich auf den Weg zu ihren zwei schlafenden Söhnen in den Wohnwagen. Um ein Uhr fallen beide ins Bett und träumen von ihrem wohlverdienten Saisonende am 23. Dezember.
Im Winter steht die komplette Renovierung der Anlage an. Schnell sehnen sie sich dann aber wieder Ende März herbei, wenn die Saison wieder startet. Denn es bleibt dabei: Einmal Kirmeskind, immer Kirmeskind.