BERGISCH GLADBACH. – Die Trennungs- und Scheidungskinder gehören zur Hauptklientel der katholischen Erziehungs- und Familienberatungsstelle: „Sie leiden jahrelang unter der Trennung. Nicht selten entstehen Loyalitätsprobleme“, sagt Diplom-Psychologe Jens Langer. So auch bei Till. Als er ein Handy bekommt, schreibt er seiner Mutter eine Kurzmitteilung, in der er von Verrat durch den Vater spricht.
Was nun geschieht, ist vorhersehbar. Mutter und Vater streiten sich, dass die Erde bebt. Dass sie ihre Differenzen auf dem Rücken des Jungen austragen, merken sie nicht. Der Vater zeigt sich gekränkt. Till tätigt nur noch Aussagen, von denen er denkt, dass der Vater sie hören will. Für die Eltern ist ihr Nachwuchs immer ein Wahrheitsgarant. Dass Till um des lieben Friedens wegen lügt, entgeht den Eltern ebenfalls. So wie bei der Verratsunterstellung.
Die Beratungsstelle in Gladbach haben im letzten Jahr 1000 Kinder mit ihren Eltern aufgesucht. Weitere 200 nutzen die Sprechstunden, die an fünf verschiedenen Schulen im Kreis abgehalten werden: „Das Geschäft boomt“, sagt die Leiterin Ruth Perlitz. Für Fälle wie Till gibt es die „TuSch-Gruppe“. Applaus ist aber nicht gefragt, wenn die Trennungs- und Scheidungskinder zu zehnt die zwölf Sitzungen absolvieren. Nicht nur die Arbeit mit dem Nachwuchs ist wichtig, auch die Eltern müssen einlenken: „Wir sensibilisieren sie, ihre Kinder wieder mehr in den Blick zu nehmen“, so Langer.
Ein „Klassiker“ im Verhaltensmuster von Teenagern ist die Weigerung, Hausaufgaben zu machen. Dann kommt die Biografie der Familie ins Spiel. Über diesen Ansatzpunkt arbeiten die Pädagogen und Psychologen Verhaltensweisen heraus, die es zu korrigieren gilt: „Kinder schauen sich die Konfliktlösung bei den Eltern ab. Auch wenn Mutter und Vater streiten, bleiben sie noch die Vorbilder. Was sie dann lernen, wenden sie in der Schule an“, sagt Perlitz.
Eine solche Situation läuft jedoch nicht immer so glimpflich ab. Häufig lautet die erste Diagnose ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung), weil die Sprösslinge aufmerksam sind, Leistung verweigern, aggressiv oder gar depressiv werden. Schuld daran ist das dauernde Hin und Her zwischen den Elternteilen. Besonders schmerzhaft ist die Rückreise nach einem Wochenende zurück zum Hauptverantwortlichen. So stellte auch Tills Vater fest, dass sein Sohn fast immer ein paar Tage benötigt, sein alltägliches, normales Verhalten wieder zu zeigen. Dabei handelt es sich nicht etwa um Verstörtheit, sondern Reisestress: „Das ist wie bei jedem Menschen, der aus dem Urlaub heimkehrt. Es bedarf der Umstellung“, sagt Langer.
Die Berater leisten vor allem Beziehungsarbeit. Nach und nach entwickelt sich bei den Gesprächen eine Vertrauensbasis zwischen beiden Seiten. Seit 2009 können Familiengerichte bei hoch strittigen Fällen eine Mediation anordnen. Dann kann schon eine simple Terminabsprache zum Hindernislauf werden. Doch diese Situationen sind selten: „Wer zu uns kommt, kümmert sich um seinen Nachwuchs. Schließlich sind fast alle freiwillig bei uns“, so Perlitz.
Die frühzeitige Inanspruchnahme professioneller Hilfe verhindert kostenintensivere Maßnahmen. Gerade die Jugendämter sind erleichtert. Weniger begeistert ist das Beraterteam von Eltern, die sich Erziehungssendungen im Fernsehen anschauen und ihr frisch erworbenes Wissen am eigenen Kind ausprobieren: „Die Super-Nanny kennt nicht immer die Lösung, das merken die Kinder schnell“, so Langer. Es bleibe darum das Ziel, den ersten Beratungstermin schnell anzubieten.
Doch die Beratung benötige Zeit, der Bedarf steige, so Hans-Peter Bolz, Geschäftsführer der Kreis-Karitas und der Katholischen Erziehungsberatung.
