Köln – Natürlich gibt's hier Gartenzwerge. Jede Menge. Nur wirken manche hier in der Kleingartenanlage Blücherpark so gar nicht frisch lackiert. Und nicht jeder Rasen ist mit dem Geodreieck abgesteckt. Manches wuchert wild, die Nachbarschaft ist so bunt wie an einer Straße in Nippes: englischer Rasen hier, gärtnerische Anarchie dort. Exakt vermessene Polsterstuhlreihen auf der einen, Spielzeugchaos auf der anderen Seite. Die neue Wirklichkeit im Schrebergarten.
Gerade in Großstädten wie Köln verändert sich das Bild rasant. In manchen Anlagen liegt der Anteil jüngerer Familien mit Kindern schon bei annähernd 50 Prozent. Viele davon haben vielleicht eine schicke Altbauwohnung im Agnesviertel, aber allenfalls ein Balkönchen dran. Katharina Heinrich, Mutter eines Sohnes, weiß, was das heißt: „Irgendwann hat man einfach keine Lust mehr, auf dem Spielplatz rumzuhängen.“ Da fährt die Familie lieber in den Garten, lädt sich ein paar Nachbarskinder ein, die ungehindert rumtoben können, und fertig ist die Laube.
„Wir haben hier immer mehr Familien mit Kindern“, bestätigt Johann Schönecker, der seit Jahrzehnten seinen Garten in der Anlage Am Schiffhof hat und heute Vereinsvorsitzender ist. „Das ist auch wünschenswert, denn die Anlagen sind ein bisschen überaltert“, sagt Schönecker.
Auch der Kreisverband der Kölner Kleingartenvereine findet die Entwicklung gut. Er will die Tradition der Schrebergärten am Leben erhalten, und dafür ist Nachwuchs schließlich unabdingbar. Dem Verband gehören 115 Vereine an, das ist nicht viel weniger als im Fußballkreis Köln mit derzeit 138 Klubs. Wie wichtig die Funktion der rund 13 000 Kölner Gärtchen ist, zeigt eine andere Zahl: Fast 630 Hektar haben die Kleingärtner gepachtet, größtenteils städtische Flächen. Das ist mehr als dreimal so viel wie das Gebiet des Lindenthaler Stadtwalds samt Wildpark und Weihern.
Die Gartenfreunde, die voll Tatendrang auf den Beginn der Pflanzsaison warten, sehen sich deshalb auch ein bisschen als Naturschützer. Schließlich stellen sie sicher, dass ein großes Stück grüner Lunge der Stadt erhalten bleibt. Auf Bundesebene versucht der Bund der Gartenfreunde, seine Bedeutung für den Klimaschutz ins rechte Licht zu stellen, schließlich sei die Gesamtfläche der Kleingärten mit rund 50 000 Hektar sogar größer als der Bodensee.
Für die Nutzer steht freilich etwas anderes im Vordergrund: der Kleingarten als privates Naherholungsgebiet. „Man muss den Tag nicht groß planen, nicht überlegen, was machen wir heute“, sagt Pächterin Katharina Heinrich. Am Wochenende ist mächtig Leben in der Laube. Für manchen zu viel Leben? „Die Ruhezeiten sind ja in der Kleingartenverordnung geregelt“, sagt Vorstandschef Schönecker etwas ausweichend. Außerdem gebe es am Schiffhof einen eigenen Spielplatz. Manchem ruhesuchenden Rentner wird es manchmal doch etwas laut.
„Das ist alles eine Frage der Erziehung“, sagt mürrisch ein Pächter im Blücherpark, der die größte Kölner Anlage mit 219 000 Quadratmetern und 703 Pächtern beherbergt. Der Nachbar, Vater zweier Kinder, zieht die Augenbrauen hoch. Kinderlärm sei schließlich der schönste Krach, den es gebe, sagt er und sammelt Bocciakugeln aus dem Beet.
Der Ansturm junger Familien ist nicht die einzige Veränderung. Seit Jahren steigt der Anteil von Migrantenfamilien, in einigen Vereinen liegt er schon über einem Drittel. „Wir haben hier Türken, Iraner, Pakistani, Portugiesen“, sagt Schönecker vom Schiffhof, und: „Wir haben damit überhaupt keine Probleme.“
Allerdings gibt es auch andere Erfahrungen. Der Versuch eines Journalisten, an einen Garten zu kommen, ergab: Eine Türkin wurde abgewiesen, weil alles belegt sei, er selbst bekam eine Stunde später mehrere Angebote. Bei den Vereinen heißt es, das seien allenfalls Einzelfälle. Dass es im Blücherpark 24 „Blockwarte“ gibt, die sich um einzelne Abschnitte der Anlage kümmern und so heißen wie die unteren Chargen im Dritten Reich, ist vielleicht nur ein Zeichen mangelnder Sensibilität . . .
Klar scheint: Ohne die jungen Familien und die Migranten würde die Kleingartenkultur vielleicht nicht aussterben, aber deutlich schrumpfen. Johann Schönecker jedenfalls freut sich über das blühende Leben. Im Juni wird am Schiffhof 50-Jähriges gefeiert. Ein Fest mit vielen Nationen, die „tolle Musiker“ mitbrächten, und jeder Menge Kindern.
