„Vielleicht habe ich noch zehn Jahre. Das würde mich sehr, sehr dankbar machen“, hatte Hanns Dieter Hüsch 1999 gesagt. Da befand sich der frühere Kettenraucher mitten in der Behandlung seines Lungentumors. Diese Frist war ihm nicht mehr vergönnt. In der Nacht zum Dienstag ist der große Kabarettist im Alter von 80 Jahren gestorben. Seine Geburtsstadt Moers will ihrem Ehrenbürger ein Ehrenbegräbnis ausrichten.
Schon im Jahr 2000 hatte er sich mit einem Best-of-Programm von der Bühne verabschiedet, geschwächt von zahllosen Chemotherapien und Bestrahlungen. Völlig zurückgezogen verbrachte der Wahlkölner die letzten Jahre seines Lebens in Eitorf, der Heimat seiner zweiten Frau Christiane (45), die ihn abschirmte gegen neugierige Fragen.
Unvorstellbar, dass dieser wortgewaltige literarische Entertainer, der philosophische Clown, die Sprache verloren haben sollte, wo er doch sozusagen mit dem lieben Gott auf du und du stand, weil er ihn regelmäßig an der Bistro-Theke in Dinslaken traf!
„Gott wollte mich noch nicht“, freute sich der gläubige Christ nach der ersten Krebstherapie - und schmiedete sofort wieder Zukunftspläne. Den Lear wollte er noch spielen bei Holk Freytag in Dresden, Bücher, Stücke, Musik schreiben. „Kapitulation ja - Resignation nie - Optimismus ungern - Zuversicht immer“ schrieb Hanns Dieter Hüsch in seinen 1990 erschienenen Memoiren „Du kommst auch drin vor“. Es ist das Resümee des „fahrenden Poeten“ aus 52 Jahren Kabarett und seinen Erfahrungen mit Deutschland, das er stets durch die niederrheinische Brille fokussiert hat. In den Alltagsbetrachtungen des unnachahmlichen Menschenbeobachters konnte sich jeder wiederfinden. „Sie müssen bei uns im Schrank gesessen haben“, bekam er oft von seinem Publikum zu hören, wenn er liebevoll die kleinen Schwächen bespöttelt hatte. Was Leiden heißt, musste der als Sohn eines preußischen Beamten im niederrheinischen Moers geborene Hanns Dieter Hüsch schon in frühester Kindheit erfahren. Mit zwei verkrüppelten Füßen kam er zur Welt, wurde bis zum 14. Lebensjahr immer wieder operiert. Dadurch war er wehruntauglich, und der Kriegsdienst blieb ihm erspart. „Mein Leben verdanke ich meinen Füßen“, schrieb er in seinen Erinnerungen. Der notgedrungen unsportliche Junge beschäftigte sich schon früh mit Literatur und Musik, studierte ein bisschen Medizin und ein bisschen Theaterwissenschaft.
Doch in Wahrheit wollte er zur Bühne, trat schon 1947 mit seinen Chansons bei dem Mainzer Studentenkabarett „Die Tolleranten“ auf. Seit den sechziger Jahren profilierte sich das „schwarze Schaf vom Niederrhein“ mit über 60 Soloprogrammen als einer der wichtigsten Vertreter des literarischen Kabaretts. Im „Senftöpfchen“ hatte Hanns Dieter Hüsch nach seinem Umzug von Mainz nach Köln 1988 eine neue künstlerische Heimat gefunden.
Vom Revoluzzer zum
sanften Satiriker
Weil ihm jedoch immer klarer wurde, dass Kabarett nichts verändern kann, wandelte er sich in 52 Bühnenjahren allmählich vom langhaarigen Revoluzzer zum sanften Satiriker des Alltags, der vor allem durch sein Alter ego Hagenbuch seine Lebensphilosophien verbreitete - zur Freude des Publikums, das über drei Generationen hinweg die sprachgewaltig gedrechselten Pointen beschmunzelte.
Sie trugen ihm unter vielen anderen Auszeichnungen zweimal den Deutschen Kleinkunstpreis, die Ehrenbürgerschaft von Moers und das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ein. „Auf meinem Grabstein wird stehen: Die einen werden sagen: Er hat zu viel gemacht. Die anderen werden sagen: Er hat sich zu wenig bewegt. Ich aber sage euch: Lasst mich in Ruh !“ schrieb er schon lange vor seiner Krankheit. Die Ruhe hat der Rastlose nun gefunden. Doch seine Bedeutung fürs Kabarett lebt weiter.
