WASHINGTON. Sie lächeln nie bei der Arbeit. Sie bilden den Sicherheits-Ring um den Mann mit dem Codenamen „Renegade“ („Außenseiter“). Wie menschliche Überwachungskameras beobachten sie unentwegt die Umgebung. Ihre Devise: 100 Prozent Sicherheit, ohne Ausnahme.
Pannen kann sich der Secret Service, der Barack Obama und die Präsidentenfamilie bewacht, nicht leisten. Ein einziger Fehler kann den Tod des Schützlings bedeuten - die Drohungen gegen den ersten farbigen US-Präsidenten haben zuletzt dramatisch zugenommen und El Kaida will nach jüngsten Geheimdienst-Erkenntnissen bald wieder zuschlagen.
Seit dem Attentat auf John F. Kennedy 1963 tragen die Beamten täglich das Trauma des Versagens mit zur Arbeit. Damals in Dallas fuhr der Präsident in einem Cabrio, Agenten, die sonst die Limousine umrundeten, waren weggerufen worden. Die Menschen sollten ihn besser sehen können. Doch auch der Schütze sah Kennedy so besser.
Heute fährt der Präsident immer im „Beast“, dem ultimativen stählernen Schutz-Cadillac: Perfekt gegen Bioattacken versiegelt, im Kofferraum Sauerstoffflaschen und Beutel mit dem Blut des Präsidenten. Dazu Nachtsichtgeräte, Schießscharten und Reifen, denen nie die Luft herausgeht. Zudem besteht jeder Präsidentenkonvoi aus 25 bis 30 Fahrzeugen, ein zweites identisches „Beast“ inklusive. Doch sobald „Renegade“ den Wagen verlässt, wird er verwundbar. Bei der Amtseinführung trug Obama einen maßgeschneiderten schussfesten Anzug - dank moderner Kevlar-Stoffe fällt so etwas kaum auf - anders, als noch bei Ronald Reagan, dem nach dem Attentat auf ihn eine Panzerweste verordnet wurde.
Doch für den Kopf gibt es keinen Schutz. Deshalb sind die Agenten nie weiter als eine Armlänge entfernt, um den Präsidenten jederzeit zu Boden reißen zu können. Attentate werden ständig trainiert. Mehrere Beamte schützen ihn mit ihren Körpern, drängen ihn zurück ins Auto, andere treten der Gefahr entgegen.
Die Kugel für den Präsidenten einfangen
„Die Kugel für den Präsidenten einfangen“, dies bewahrheitete sich beim Anschlag auf Reagan. Agent Timothy McCarthy traf ein Bauchschuss, als er sich vor seinen Schützling warf. Beide überlebten. Beim Reagan-Attentat ließ sich erkennen, wo die Waffen der Agenten getragen werden: In einem Aktenkoffer lag eine „Uzi“. Heute ist die Sig Sauer P 229, eine deutsche Pistole, die bevorzugte Waffe.
Gefahren drohen auch in der Luft - gerade auch durch Raketen made in USA wie die von der Schulter abgefeuerte „Stinger“. Der „Marine One“-Helikopter gilt als besonders gefährdet. „Ein Treffer reicht für eine Tragödie“, heißt es. Deshalb fliegt der Präsidenten-Hubschrauber immer in einer Gruppe von drei bis fünf identischen Maschinen. Und „Air Force One“, die Boeing 747 des Präsidenten, kann unbegrenzt in der Luft bleiben - dank einer Auftank-Option. An Bord unter anderem Abwehrmittel gegen hitzesuchende Raketen. Während der Anschläge des 11. September hatte der Secret Service die Befehlsgewalt an Bord. George W. Bush war damals neun Stunden in der Luft.
Über viele der Schutzmaßnahmen für das Weiße Haus und seine 132 Zimmer wird nur ungern geredet. In den meisten Räumen sind „Panik-Knöpfe“ in Statuen oder Schubladen versteckt, mit denen Agenten alarmiert werden können. Bei Schüssen auf das Gebäude ortet das System „Bumerang“ den Standort des Schützen in Sekunden.
Angesichts des Hightech-Schutzes wirkt die die jüngste Panne im Weißen Haus besonders peinlich: Ein nicht geladenes Ehepaar gelangte bei einem Dinner bis zum Präsidenten. Die verantwortlichen Agenten wurden umgehend zu Schreibtischarbeit strafversetzt. Denn sie hatten gegen die wichtigste Regel des Secret Service verstoßen: Vermeide selbst den kleinsten Fehler - er kann mit einer Katastrophe enden.
