Fast sieben Jahre lag Blitzopfer „Timi“ im Wachkoma. Fast sieben zermürbende Jahre, in denen Eltern und Schwester jeden Tag darum gebetet haben, der Sohn und Bruder möge endlich das Bewusstsein wiedererlangen und ins Leben zurückkehren. Doch alle Hoffnungen erfüllten sich letzten Endes nicht. Am 16. März verstarb der Jugendtrainer der Sportvereinigung Deutz 05, der am 21. Juni 2000 auf dem Fußballplatz an der Dr.-Simons-Straße vom Blitz getroffen wurde, im Alter von nur 29 Jahren im Krankenhaus Merheim.
„Wir haben immer gedacht, er wird nicht sterben“, sagt sein Vater Turan Icelliler (65). „Alles ist so plötzlich gekommen.“ Noch tagsüber habe Timur im Rollstuhl mit seiner Mutter Ayse im Garten gesessen. Am Abend sei er dann plötzlich unruhig geworden. Er habe stark geschwitzt und sich mehrfach erbrochen. Die Hausärztin riet dazu, bis zum Morgen zu warten. Doch als sich der Zustand des einst sportlichen, fast zwei Meter großen Mannes nachts weiter verschlechterte, wurde Timi am nächsten Tag ins Klinikum Merheim eingewiesen - mit Verdacht auf Lungenentzündung, weil Mageninhalt in die Lunge geraten war. Aber auch dort konnten die Ärzte den Schwerstbehinderten nicht mehr retten. Noch am frühen Abend erlag Timi auf der Intensivstation den Folgen des schrecklichen Unglücks vom Sommer 2000. „Wir waren jede Sekunde bei ihm“, schildert Turan Icelliler die letzten Stunden seines Sohnes.
Aufopferungsvoll hatte die Familie, unterstützt durch einen Pfleger, den Wachkoma-Patienten zu Hause versorgt. Vor allem seine Mutter wich ihm kaum von der Seite. Jeden Morgen um sechs Uhr habe seine Frau als erstes Timi in seinem Zimmer besucht und sich um die künstliche Ernährung gekümmert, berichtet Turan Icelliler. Seit dem Unfall ihres Sohnes ist die heute 57-Jährige wegen schwerer Depressionen nicht mehr arbeitsfähig. „Sie hat in all der Zeit keinen Tag Urlaub gemacht“, sagt der frühere Taxifahrer, der inzwischen in Rente gegangen ist. Vor vier Jahren hatten sich die Eltern „wegen Timi“ gemeinsam mit Tochter Ilkmer ein Haus in Mülheim gekauft. Wenn das Wetter es zuließ, saß Timi dort mit seinem Rollstuhl im Garten. Die meiste Zeit aber lag er der frühere Fan von FC und Fenerbahce in seinem Zimmer, das mit Pokalen, handsignierten Trikots und Fotos an glückliche Zeiten erinnert. Die Augen geöffnet, starrte er im Bett vor sich hin. „Sein Verstand hat nichts mehr wahrgenommen“, so sein Vater. „Unsere Stimmen konnte er aber hören.“
Am 19. März trat Timi seine letzte große Reise an. Unter großer Anteilnahme der Angehörigen wurde er schon am Tag darauf in Istanbul, der Heimat seiner Familie, zu Grabe getragen. Erst Mitte Mai werden Turan und Ayse Icelliler nach Köln zurückkehren. Bis dahin gehen sie täglich zum Friedhof, besuchen ihren Sohn und lesen jeden Tag den Koran für ihn. Um Timi nahe zu sein, will das türkische Ehepaar künftig die Hälfte des Jahres in Istanbul verbringen. „Wir müssen jetzt tapfer sein“, sagt der schwer geprüfte Vater. Und genau so stark, wie in den letzten Jahren auch.