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Seit 150 Jahren ist Rezept Familiengeheimnis

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BAD MÜNSTEREIFEL. Wo zu Großmutters Zeiten noch der Schnaps in Flaschen gefüllt wurde, stehen heute ein ausrangierter Rasenmäher und ein Trampolin. „So ist das eben, wenn man Platz hat“, sagt Apollo Zweiffel, Inhaber der „Stephinsky Spirituosenherstellung“ humorvoll. Im Zimmer nebenan lagern vier schwere Holzfässer, der Putz an den Wänden bröckelt. Eine einsame Lampe spendet karges Licht, der Geruch von Holz und fruchtigen Kräutern ist allgegenwärtig.

Wer sich in dem antiquiert anmutenden und sparsam eingerichteten Produktionsraum umschaut, mag kaum glauben, dass in dieser Kammer jeden Monat eine Schnapsmenge hergestellt wird, die 2000 handelsübliche Spirituosenflaschen füllt. Zweiffels Auskunft verblüfft: „Hier sind sogar die Kapazitäten für 10 000 Flaschen monatlich vorhanden.“ Immer wieder erntet Zweiffel, der das Familienunternehmen in vierter Generation führt, bei Gästen überraschte Reaktionen: „Das ist ja wie vor hundert Jahren!“ In einem haben die Gäste recht. Wie vor hundert Jahren wird bei „Stephinskys“ alias Zweiffels alles handgemacht.

Ertönte nebenan das zufriedene Grunzen eines Hausschweins, das Bild des ländlichen Bauernhofs wäre perfekt. Keine Spur von moderner Technik oder automatisierter Arbeitsabläufe. Statt auf Maschinen setzt Zweiffel - wie es sich für einen echten Familienbetrieb gehört - lieber auf die Unterstützung seiner Frau.

Drei bis vier Wochen muss die Mixtur aus Kräutern, Zucker, Alkohol und Wasser in den 1000-Liter-Fässern reifen. Täglich wird umgerührt, damit sich alle Ingredienzien gut vermischen. Im Sommer sind es meist zwei Fässer Magenbitter, im Winter können es auch mal vier sein, denn in der kalten Jahreszeit wird erheblich mehr Hochprozentiges getrunken. Bevor der Schnaps in Flaschen abgefüllt und ausgeliefert wird, durchläuft er noch die Filteranlage. „Die Frage, ob ich die Firma von meinen Eltern übernehme, hat sich mir nie gestellt“, erzählt Zweiffel: „Das kam ganz automatisch, man ist ja damit aufgewachsen.“ Ob er sich heute noch einmal für den Familienbetrieb entscheiden würde? „Definitiv. Die Arbeit macht mir Spaß, ich bin mein eigener Chef.“ Diesen Spaß an seinem Beruf zeigt Zweiffel auch nach außen, wie ein Blick auf den Parkplatz seines Getränke-Centers zeigt. Auf seinem Autokennzeichen prangt natürlich - eine Schnapszahl. Das gilt auch für die Telefonnummer seiner Firma. Pünktlich zum 150. des „Stephinsky Magenbitters“ belohnte der „Silberne Preis“ der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) bereits zum dritten Mal die Künste des Münstereifeler Spirituosen-Herstellers. Zuvor hatte der „Stephinsky“ schon zwei Mal Bronze erhalten.

„Der Magenbitter ist angenehm zu trinken, trotz seines Alkoholgehalts von 43 Prozent“, sagt Zweiffel und offenbart ein Teil des streng gehüteten Familiengeheimnisses: „Jeder Schnaps kann anders schmecken, da sich Dürre oder Kälte auf die Kräuter auswirken.“ Aus 27 Gewächsen wie Enzian, Galgatanwurzel, Pomeranzenschale und Anis wählt Zweiffel aus, diese kommen - zum Teil getrocknet - „aus der ganzen Welt“.

Das gilt übrigens auch für die Kunden: Das Gros lebt zwar im Rheinland, doch einige ausgewanderte Deutsche möchten sogar im fernen Kanada nicht auf ihr Stammgetränk verzichten. „Die wissen eben, was gut ist“, schmunzelt Zweiffel. „Mit den Großen der Branche kann ich natürlich nicht mithalten“, räumt der Chef von 18 Mitarbeitern ein: „Ich lebe von Mund-Zu-Mund-Propaganda und persönlichen Kontakten.“ Ambitionen, sein Sortiment auszubauen, hat Zweiffel nicht: Er habe nie mit neuen Kreationen experimentiert. Das Rezept, das Zweiffels Urgroßvater Johannes Vanhoff vom Münstereifeler Apotheker und Ehrenbürger Franz Maria Ferdinand Stephinsky erhalten hatte und das seitdem von Generation zu Generation weitergegeben wird, sei eben „in Stein gemeißelt“. Doch halt. Eine Ausnahme gab es: das „Apöllchen“, ein neues Produkt, das zehn Jahre lang auf dem Markt war, dann aber wieder in der Versenkung verschwand. „Es war zu zuckerhaltig, jedes Mal musste mit viel Aufwand die Anlage gereinigt werden“, bedauert der Inhaber. Zweiffel will die Firma später an seine Kinder weitergeben. Nur ein Ereignis könnte ihn dazu bewegen, sein Familienunternehmen aufzugeben: „Wenn Underberg fünf Millionen bietet, dann gehe ich in Rente“, sagt er. Aber sein Lachen verrät, dass er es vielleicht doch nicht tun würde.