Als Kulisse fürs Ende der Welt wäre Sedelnikowo gut zu gebrauchen: ein paar Bauernhöfe, leere Straßen und Häuser mit Plumpsklo im Garten. Und viel Schnee, sehr viel Schnee. Der Winter wird bis zu minus 40 Grad kalt, und er dauert sieben lange Monate. Es ist schwer, bei solchen Temperaturen auf dumme Gedanken zu kommen.
Ein 16 Jahre alter Jugendlicher aus dem Landkreis Gießen versucht, in dem 5000-Einwohner-Dorf im Westen Sibiriens auf den Pfad der Tugenden zurückzufinden. Geschickt hat ihn das Jugendamt des Kreises. „Wir waren bei ihm am Ende der Fahnenstange“, sagt der Jugenddezernent Stefan Becker. Letzte Chance Sibirien.
Der Jugendliche ist vor allem durch gewalttätige Übergriffe gegenüber Eltern und Betreuern auffällig geworden. Bekannt ist er dem Jugendamt seit etwa vier Jahren, Vorstrafen gibt es jedoch nicht. „Sein Problem ist die plötzlich ausbrechende Gewalt“, sagt Becker, „es ist die Vorstufe zu einer Schlägerkarriere.“ Der Junge leidet zudem am Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) und war bereits in psychiatrischer Behandlung. Die Reise ins 4500 Kilometer entfernte Sedelnikowo ist er im Sommer freiwillig angetreten, sie ist mit den Eltern abgestimmt.
In der „reiz- und konsumarmen Umgebung“ (Becker) soll der Jugendliche in neun Monaten wieder in die Spur finden. Konkret heißt das: Holz hacken um den steinernen Ofen zu befeuern, im eisigen Plumpsklo die Toilette erledigen und Kaffeewasser aus dem häuslichen Brunnen schöpfen. Es ist ein Programm, wie es sich wohl nicht mal Roland Koch ausdenken würde.
Es sind Zustände „wie bei uns vor 30 bis 40 Jahren“ sagt Becker. Dabei müsste er wohl noch einige Jahre drauf legen. Der Weg zur Schule beträgt 2,5 Kilometer, und bis auf seinen Betreuer des Vereins „Pfad ins Leben“ spricht jeder im Dorf russisch. Mit dem Mann teilt er ein einfaches Holzhaus. „Er muss sich auf seine Begleitung einlassen und mit Konflikten offen umgehen“, sagt Becker. „So lernt er, dass er für sich selbst verantwortlich ist. „Wenn er nichts zum Essen besorgt, wird er Hunger haben.“ Wenn er nicht russisch lernt, wird er keine Freunde finden.
Intensivpädagogische Angebote wie dieses sind in Jugendämtern durchaus beliebt (siehe Kasten). Zum einen, weil sie sich drastisch abheben von soften Anti-Gewalt-Hilfen, zum anderen, weil sie finanziell oft günstiger sind als Heimunterbringungen hierzulande. Auch das Jugendamt im Landkreis Gießen betont, dass die 150 Euro Tagessatz für Sibirien ein Drittel der in Deutschland anfallenden Kosten ausmachten. Plus Reisekosten allerdings. Kritik an der Erlebnispädagogik gibt es spätestens seit ein 14-Jähriger in Griechenland seinen Betreuer mit einem Bolzenschussgerät getötet hat. Seit 2005 dürfen nur noch Träger aus dem Inland derartige Aufenthalte organisieren.
Der Verein „Pfad ins Leben“ betont die hohen Prüfstandards des Angebots. Man kenne die Pädagogen sehr genau, zudem reise alle zwei Monate eine Mitarbeiterin nach Sibirien. „Zur Betreuung gehört eine intensive Vor- und Nachbereitung“, sagt Jacqueline Weil, Vorsitzende des zehn Jahre alten Vereins mit Sitz in Erfurt.
Immerhin durfte der 16-Jährige vor der Härte des täglichen Daseins noch den Traum aller Eisenbahnliebhaber verwirklichen: Von Moskau aus ging es mit der Transsibirischen Eisenbahn bis nach Omsk. „Er mag ja Eisenbahnen, so konnte man gleich ins Gespräch kommen“, betont Weil treuherzig.
Die Rückreise aus der sibirischen Steppe ist fürs Frühjahr geplant. Eine Mitarbeiterin des Jugendamts reiste vor Weihnachten hinter das Uralgebirge und zeigt sich erfreut über den Zustand des Schützlings. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland soll er vorerst nicht in der hessischen Heimat, sondern in den neuen Bundesländern untergebracht werden. Dort gebe es ja auch eher „reizarme“ Gebiete, heißt es im Jugendamt.
Nur wärmer.
