BONN. Ein Sänger, der seine Stimme verliert? Beziehungsweise nur noch Töne singt, die rau, heiser und belegt" klingen? Eine Katastrophe und mithin das mögliche Ende einer Karriere: So war es für einen Bass des Bonner Opernchores ein Schock, als ein Arzt der Uni-Klinik ein Hämatom an der Stimmlippe diagnostizierte und absolute Stimm-Ruhe verordnete.
Voraus gegangen war, wie bereits berichtet, ein seltsamer Sängerkrieg am Silvesterabend 2005 an der Bonner Oper. Zwischen zwei Vorstellungen von Johann Strauß Meisteroperette Die Fledermaus" in der Inszenierung von Joachim Schlömer hatte der Bass von seinem Kollegen nicht nur einen Faustschlag ins Gesicht bekommen, sondern auch einen bösen Griff an die Kehle. Der Fall landete vor dem Bonner Landgericht.
Nach einer aufwändigen Beweisaufnahme hat die 13. Zivilkammer den angriffslustigen Sänger jetzt zu 12 000 Euro Schmerzensgeld verurteilt. Auch muss er für alle Schäden aufkommen, die in Zukunft noch eintreten könnten. Zahlreiche Zeugen, fast alles Chorkollegen, hatten bestätigt, dass es einen solchen Vorfall auf dem Weg in die Garderobe gegeben habe. Damals war der gesamte Chor zerstritten, die beiden Kontrahenten im jeweils anderen Lager. Am Silvestertag war der Aggressor, übrigens alkoholisiert, auf seinen Kollegen zugegangen und hatte ihm wiederholt lautstark ein gutes neues Jahr" gewünscht. Der Bass aber empfand die Geste als aggressiv und herausfordernd" und hielt seine Hände lieber in den Hosentaschen. Daraufhin hatte der Angreifer seine rechte Hand auf die Schulter des Gegenübers gelegt und seinen Daumen tief in den Kehlkopf des Sängers gedrückt.
Der verklagte Sänger aber hatte im Prozess bestritten, dass das Hämatom von dem Auflegen seiner Hand auf die Schulter" herrühren könne; vielmehr habe der Bass in der Streitszene so geschrien, dass er dabei wohl die Stimme verloren habe. Eine Gutachterin aber trug im Prozess vor: Eine solch schwere Verletzung könne nur durch äußere Gewalteinwirkung verursacht worden sein; eine solches Verletzungsmuster - Würgemale und Hämatom - lasse sich nicht durch eine Stimmüberlastung oder zu lautes Schreien" erklären. So kamen die Richter zu dem Schluss: Der Sänger muss sein Gegenüber mit einer Hand regelrecht gewürgt haben.
Genau 16 Monate lang konnte der Bass daraufhin nicht mehr singen: Eine solche Verletzung sei langwierig, hatte die Gutachterin bestätigt. Für eine komplette Ausheilung sei absolute Stimmschonung notwendig. Der 48-Jährige Sänger aber hatte wohl noch Glück: Eine gravierende, bleibende Organschädigung hatte die Medizinerin nicht festgestellt: Wenn er das Trauma überwunden hat und wieder angstfrei seinen Arbeitsplatz aufsuchen kann", dann sei zu erwarten, dass die Singstimme, wenn auch mit geringen verbleibenden Einschränkungen, wieder einsatzfähig ist. Seit April 2007 singt der Bass wieder - Seite an Seite mit seinem Kontrahenten im Bonner Opernchor.