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Streit unter ErbenNichts ist schlimmer als Gier

7 min

Viele Kinder beschweren sich nach dem Tod der Eltern über mangelnde Wertschätzung. (Foto: Thinkstock)

Der 46-jährige Berliner Geschäftsmann Raymond Zens hatte sich fest vorgenommen, die Vorkommnisse nüchtern und emotionslos zu schildern. Doch schon bei seinen ersten Sätzen blockiert ein Hustenanfall seinen Redefluss. Der wird immer heftiger, überfällt ihn mit aller Macht, so dass Zens zunächst nur krächzend und stoßweise sprechen kann. Unterbrochen von Pausen. Husten. Naseputzen. Schlucken. Doch so langsam ergibt sich ein Bild dessen, was passiert war.

Eine Kleinigkeit nur war es, erzählt er stockend, an der die Familie zerbrach. Der goldene Armreif der Mutter gab letztlich den Ausschlag. Weil seine Schwester das Schmuckstück unbedingt wollte, es aber noch auf dem Totenbett der Schwiegertochter für die aufopferungsvolle Pflege der Kranken versprochen worden war, brach unversehens ein solcher Streit aus, dass Raymond Zens an besagtem Tag, dem "schlimmsten in meinem ganzen Leben", irgendwann ins Badezimmer rannte und sich dort übergab. Denn das, was da gerade passierte, war für ihn "einfach too much". Dennoch will er es erzählen. Einer Fremden. Mal so ganz ohne Einwände von Mitbetroffenen. Ausschließlich seine Sicht der Dinge. Deshalb wurde sein Name in diesem Text geändert.

Es begann alles kurz nach der Beerdigung der Mutter. Die alte Dame war von Schwägerin, Bruder und ihm gepflegt worden. Nun waren auch die anderen Geschwister angereist, trafen sich in der Wohnung des Bruders, saßen alle um den Tisch herum, vor sich eine Kiste voller Schmuck der Mutter. Und sein Schwager "schmiss immer seiner Frau die Sachen zu, die er für wertvoll hielt, und der Rest wurde mit abwertenden Worten wie, das ist ja auch nur Müll, oder das taugt ja gar nichts, zur Seite gepfeffert." Raymond Zens beobachtete das alles fassungslos, empfand es als dermaßen respektlos seiner Mutter gegenüber, dass er es kaum aushielt.

Irgendwann kam bei dieser lieblosen Verteilung der Schmuckstücke besagter Goldreifen seiner Mutter an die Reihe. Zens informierte seine Geschwister, dass der auf Wunsch der Mutter für die Schwägerin sein sollte. "Woraufhin meine Schwester völlig ausgerastet ist. Unerwartet. Das ginge gar nicht, brüllte sie. Dieser Armreif wäre das einzige, was sie an ihren Vater erinnern würde, der ihn der Mutter zum 40. Geburtstag geschenkt hätte." Mutter habe sie ja sowieso nie geliebt, tobte die Schwester. "Es war völlig abstrus." Alle saßen plötzlich da "wie mit dem Kopf im Eiswind". Und Zens fragte sich, was passiert hier eigentlich gerade?

Was an diesem Tag in der Familie von Raymond Zens geschah, kann Arist von Schlippe ganz gut erklären. Er ist Familientherapeut und an der Uni Witten-Herdecke Professor für Führung und Dynamik von Familienunternehmen. Erbstreitigkeiten sind seine Spezialität. Deshalb weiß er, dass sich derartige Auseinandersetzungen nicht gestaffelt nach der Höhe der Erbschaft entzünden. Sondern einzig und allein daran, dass "Geld oder Sachgegenstände in Familien ganz oft symbolisch für nicht oder zu wenig erhaltene Wertschätzung stehen, für nicht genügend bekommene Anerkennung". In Familien, so erläutert von Schlippe, führt offenbar jedes Mitglied still vor sich hin so eine Art innere Buchführung. Die basiert darauf, dass jeder im Geiste notiert, was er an Loyalität, was an Einsatz für die Familie erbracht hat. "Das Problem ist, dass diese innere Buchführung privat erfolgt. Es gibt keine monatlichen Kontoauszüge, die man gegen einander legen kann. Und sagen kann, ach, lieber Bruder, bei dir sieht das so aus, bei mir sieht das aber so aus. Sondern jeder erzählt sich seine eigene Geschichte."

Eines Tages wird das Testament eröffnet und die stillen Buchhalter der Familie fallen aus allen Wolken. Plötzlich müssen sie feststellen, ihre Aufrechnung stimmt nicht mit der ihrer Eltern überein. "Wenn dann da steht: Brigitte kriegt 10 000 Euro, aber Stefan kriegt das Haus und das Auto und, und . . . Dann fragt sich Brigitte: Warum? Das ist dann der Moment, wo diese Testamentseröffnung für die Betroffenen der Beweis dafür ist, sie oder er hat mich noch nie geliebt. Sie oder er hat mich noch nie wirklich wertgeschätzt."

2011 wurden 220 Milliarden Euro vererbt

Eine Problematik, die sich immer häufiger stellt. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland laut einer vom Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Postbank durchgeführten Studie über 220 Milliarden Euro vererbt, meist von Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten. Bei jeder sechsten dieser Erbschaften kam es bislang zum Streit. Der Anlass: Hinterbliebene fühlten sich benachteiligt.

Dass dies nicht zwangsläufig so sein muss, zeigt das Beispiel der 60-jährigen Kölnerin Christel F. Für sie ist das Thema Erbschaft mit positiven Erinnerungen verbunden. Als nach dem Tod des Vaters vor zwölf Jahren auch die Mutter starb, blieben sie und ihre beiden Schwestern "völlig entspannt. Weil wir alle drei gesagt haben, dieses Geld ist nichts, was uns zusteht, sondern es wird uns vor die Füße geworfen. Und darüber freuen wir uns." Ein eher seltener Glücksfall. Meist eskalieren Familienzwiste, die lange verborgen lagen, genau an dem Tag, an dem das Erbe verteilt werden soll. "Die Inder sagen, das Schlimmste was einem Menschen passieren kann ist, wenn er der Gier anheimfällt", meint Therapeut Arist von Schlippe. "Zu sagen, nein, es gibt kein Recht auf Erbe, ist etwas, was hilft, gegen diese Gier anzugehen."

Eine Gier, von der Christel F. und ihre Geschwister einfach nicht heimgesucht wurden. Auch wenn es um einen beträchtlichen Batzen ging. Denn die Eltern hatten bescheiden gelebt. Der Vater war Fabrikant, in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges ausgebombt worden. "Da musste er plötzlich im zerbombten Köln hinter Kohlewagen herrennen, um Kohle zu klauen. Weil seine Familie fror."

Diese Jahre haben ihre Eltern geprägt. Es war, davon ist sie überzeugt, eine traumatische Erfahrung. Sie ist sicher, "dass diese Zeit meinen Vater zu einem geizigen Mann machte". So geizig, dass er noch nicht einmal das Studium seiner Tochter finanzieren wollte. Damals stritt sie sich heftig mit ihm, engagierte sich in einer Partei, die die Fabrikanten abschaffen wollte. "Also bei den Kommunisten." Was dazu führte, dass ihr Vater sie eines Tages zur Seite nahm und sich erkundigte: "Willst du mich abschaffen oder die Fabrikanten an sich? Daraufhin habe ich gesagt: "Beides, Papa, dich und die Fabrikanten." Daraufhin hat er mich enterbt. Richtig offiziell beim Notar." Später hat er das wieder rückgängig gemacht. Geizig ist er geblieben. Alles fiel nach dem Tod der Eltern Christel und ihren Schwestern zu. Wenn sie gut gelaunt ist, dann sagt sie sich, "das Erbe, das ich angetreten habe, ist Schmerzensgeld. Für die schlechte Behandlung durch meinen Vater. Für dessen Abwesendsein. Dafür, dass ich sehr um seine Anerkennung kämpfen musste." Manchmal sagt sie sich auch, "dieses Erbe ist ein Geschenk". Und genießt es einfach, sich hierfür das flotteste Automodell kaufen zu können. Professor Arist von Schlippe würde Christels Umgang mit dem Erbe sicherlich gutheißen. Er weiß um die Symbolik, für die Geld, Sachgegenstände in Familien oft stehen. Eine Erfahrung, die er vor allem bei der Beratung zweier Brüder bestätigt bekam, die sich um das elterliche Erbe stritten.

Riesenärger wegen eines alten Autos

Nicht um das Unternehmen, das an sie gemeinsam fiel und einen Wert von etwa 100 Millionen Euro hatte. Sondern darum, dass einer der Brüder, der immer schon der extrovertiertere, wortgewaltigere war, auch noch einen Dienstwagen bekommen sollte. Der war zwar längst abgeschrieben, spielte angesichts des Gesamterbes finanziell kaum eine Rolle. Führte aber dazu, dass der zu kurz gekommene Bruder tobte: "Du bist ein Betrüger, ein Verbrecher. Du hast mich bestohlen." Von Schlippe wurde als Mediator hinzugezogen, sollte die Brüder versöhnen. "Die wären so, wie es war, bis vor das höchste Gericht gezogen, nur wegen dieses abgeschriebenen PKW. Lächerlich."

Versöhnen konnte von Schlippe die beiden erwachsenen Männer nicht. "Die Sache ging pari-pari aus", sagt von Schlippe. Auch wenn ein herzliches brüderliches Verhältnis beim besten Willen nicht wieder hergestellt werden konnte.

Was nicht erreicht wurde war, "diesen ganzen Schuttberg, der sich über die Jahrzehnte zwischen den Brüder aufgebaut hatte und sich nun an diesem Auto entzündete, wirklich abzutragen. Das ist uns nicht gelungen."