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Tilo Koch erlebte „ Das Wunder von Berlin“

5 min

Heino Ferch und Veronica Ferres sind zur Premiere von «Das Wunder von Berlin» gekommen.

Seine Geschichte inspirierte „Das Wunder von Berlin“: Der Chemnitzer Tilo Koch, Jahrgang 1968, erlebte den Mauerfall als überzeugter NVA-Soldat am Checkpoint Charlie. André Wesche sprach mit ihm.

Herr Koch, wie ist man auf Ihre Geschichte gestoßen?

Als armer Student habe ich diese Geschichte 1994 einfach in den Computer gehackt und sie Freunden als Buch zum Geburtstag geschenkt. Ich hatte etwa zehn Abzüge gemacht. Wir haben die alten Zeiten noch einmal hochleben lassen und uns auf die Schenkel geklopft. Eines dieser Bücher gelangte über ganz viele Umwege nach München. Man hatte die Geschichte irgendwie recherchiert. Und dann bekam ich den Anruf eines wildfremden Menschen, man wolle aus der Story einen Film machen.

Haben Sie gezögert?

Ich wusste natürlich nicht, was das für Leute sind. Die Sache hat sich dann weiterentwickelt. Zunächst war von einem kleinen Film die Rede, aber er wurde größer und größer.

Haben Sie Ihre eigene Geschichte denn wiedererkannt?

Meine historischen Stationen werden nur gestreift. Die Geschichte ist in Berlin angesiedelt, ich selbst bin Sachse und komme aus Chemnitz. Der Autor Thomas Kirchner hat die Story entwickelt. In dieser Familiengeschichte kulminieren die Dinge natürlich in anderthalb Stunden und es wird Vieles gezeigt, was die DDR ausgemacht hat. Vieles habe ich so nicht erlebt, trotzdem steckt viel Wahrheit in diesem Film. Ein Spielfilm kann einem Leben nie ganz gerecht werden, er ist ja keine Dokumentation.

Wo weicht die Geschichte von den Tatsachen ab?

Ich hatte tatsächlich eine Band und wir haben ein einziges Punkkonzert gegeben. Wir haben vier Lieder gespielt und natürlich waren auch viele Punks zugegen. Ich selbst war aber nie in der Punkszene zu Hause. Tatsächlich habe ich durch dieses Konzert Schwierigkeiten bekommen und bin dann zur Armee gegangen. 1989 war ich dann an der Grenze. Man muss dazu sagen, dass ich damals glühender Kommunist war und das Land und seine Menschen beschützen wollte. Ich musste feststellen, dass die Leute nicht beschützt werden wollten.

War Ihre Begegnung mit den Volkspolizisten ähnlich brutal wie dargestellt?

Nein. Es wurden meine Personalien aufgenommen und dann ließ man mich laufen.

Waren Sie am Set zugegen?

Ja, mehrmals. Es war sehr aufregend für mich, zumal ich die Geschichte ja mit angestoßen habe. Das geht einem natürlich ganz schön nahe und man bangt, dass alles richtig dargestellt wird. Ich war auch bei der Mauerfallszene vor Ort und die alten Bilder kamen tatsächlich wieder hoch. Obwohl ich wusste, dass alles gestellt war, konnte ich mich dem nicht entziehen. Ich habe wirklich weiche Knie bekommen.

Haben Sie im Einzelfall auch Dinge kritisiert, die in Wirklichkeit anders waren?

So stark war ich nicht eingebunden. Man hat mich im Vorfeld ausführlich befragt. Ich habe mir nicht angemaßt, mich am Set irgendwie einzumischen. Vielleicht wäre es hin und wieder wünschenswert gewesen. Aber es wurde schon sehr darauf geachtet, dass alles möglichst authentisch abläuft.

Stimmt es, dass Sie den Mauerfall auch als Niederlage empfunden haben?

Das stimmt. Ich war dazu ausgebildet worden, Befehle auszuführen. Deshalb bin ich auch kein Held. Ich habe nicht aktiv gesagt, Waffen weg. Ich war Befehlsempfänger. Und der Befehl, die Grenze bis zum Äußersten zu verteidigen, ist nicht gekommen. Ich war am Checkpoint Charlie in Berlin und habe den Mauerfall wie in Trance erlebt. Es sind nur noch einzelne, bruchstückhafte Erinnerungen da. Als alles vorbei war, fuhr ich nach Hause. Das waren keine schönen Bilder. Überall Umzugswagen, meine Freunde waren weg. Meine Lieblingskneipe hatte dichtgemacht. Damals wusste ja auch niemand, wo die Sache endet. Ich habe lange gebraucht, das alles zu verarbeiten. Nun sind zwanzig Jahre vergangen und die Zeit ist reif, sachlich über alles zu reden.

Gab es an diesem 9. November 1989 einen besonderen Moment?

Ich war an keinem DDR-Grenzübergang, sondern an einem Alliierten-Grenzübergang. Die Amerikaner auf der anderen Seite haben beizeiten das Feld geräumt. Und da drüben stand ein Polizist aus Westberlin in diesem Menschenmeer. Auf der anderen Seite ich, ebenfalls in der Menge. Man hat sich für eine Sekunde in die Augen geblickt und wusste, der fühlt sich genauso wie ich.

Was haben Sie in den vergangenen zwanzig Jahren gemacht?

Ich bin 1990 in ein großes Loch gefallen. Aber ich hatte meine Freundin, die auch im Film dargestellt wird. Wir haben geheiratet und sie hat mir ein Kind geschenkt. Ich trug plötzlich Verantwortung und durfte mich nicht hängen lassen. Ich habe BWL studiert und zwischendurch habe ich einen Autohandel betrieben, bis ich gemerkt habe, dass es keinen freien Markt gibt. Ich habe mir meine Jugend zurückgeholt und einen Punk-Kneipe in Chemnitz aufgemacht. Ich hatte nur einen befristeten Mietvertrag. Irgendwann kam ein Investor aus Bayreuth, kaufte das Haus und ließ es abreißen. Ich habe fertig studiert und bin dann durch mein Buch zum Film gekommen. Ich habe alles gemacht, Koffer geschleppt und war Kabelträger. Heute bin ich selbst Regisseur und habe gerade meinen ersten Kinospielfilm abgedreht. In „Das sardonische Lächeln“ geht es um eine Vatersuche.

Das Wunder von Berlin am Sonntag, 20.15 Uhr, ZDF.