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Unauslöschlich in die Seele gebrannt

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EUSKIRCHEN. Eine gewaltige Detonation erschütterte am 9. März 1994 das Areal des Euskirchener Amtsgerichtes. Aus der Nebenstelle der Behörde an der Oststraße brach ein Teil der Fassade. Zuvor waren Schüsse und Schreie zu hören gewesen.

Als sich das Chaos aus Schutt und Qualm legte und die Rettungskräfte ihre Arbeit aufnahmen, offenbarte sich eine der größten Tragödien, die sich in der Kreisstadt je ereigneten: Der Waffennarr und Einzelgänger Erwin Mikolajczyk hatte sechs unschuldige Menschen erschossen und sich dann mit einer selbst gefertigten Bombe getötet. Das Motiv: Der Täter war wegen einiger Körperverletzungsdelikte verurteilt worden. Danach war er ausgerastet.

Wie leben die überlebenden Opfer und Hinterbliebenen dieser Tat? Was blieb den Augenzeugen des Amoklaufs im Gedächtnis haften?

Als sich zu Beginn dieser Woche die tragischen Ereignisse zum 15. Mal jähren, sitzt der Direktor des Euskirchener Amtsgerichts, Heinz-Georg Potthast, in seinem Amtszimmer. Vor 15 Jahren war er der stellvertretende Leiter der Behörde. Als es draußen knallte, habe er aus dem Fenster in Richtung Nebenstelle geschaut, erinnert sich Potthast. Bei dem aufsteigenden Qualm und dem Loch in der Hausfassade habe er spontan an eine Gasexplosion gedacht. Vor Ort aber, als er das Gebäude betrat, habe er das Ausmaß des Schreckens erkannt: „Wie in einem vor mir ablaufenden Film sah ich das Blut an den Wänden, die getöteten Menschen und die Zerstörung. Die Erkenntnis, dass hier etwas Ungeheuerliches passiert war, kam erst nach und nach“, berichtet der Jurist. „Ich war traumatisiert und hilflos.“

Erst Stunden nach der Tat erfuhr er vom Tod seines Kollegen Dr. Alexander Schäfer, der die Gerichtsverhandlung gegen den Amokläufer Mikolajczyk geleitet hatte. Angehörige der Opfer, die sich im Laufe des Tattages nach ihren Verwandten erkundigten, musste er beruhigen, ohne Konkretes mitteilen zu können. „Wir hatten keine Akten aus der Verhandlung, und mich ergriff ein ungeheurer Aktionismus, ohne dass ich wirklich etwas Gravierendes bewerkstelligen konnte“, beschreibt der Amtsgerichtsdirektor seine damalige Ratlosigkeit.

Heinz-Georg Potthast gehörte zu den Betroffenen, die keine Hilfe von Ärzten oder Psychologen in Anspruch nahmen. „Ich musste da selbst durch, was mir mit Mühe und Disziplin gelang“, sagt er heute. Trotzdem habe sich das Ereignis unauslöschlich in seinem Kopf eingebrannt.

Am Jahrestag der Tat schmücken Blumen die Gedenktafel für den ermordeten Richter Schäfer im Korridor des Euskirchener Amtsgerichtes. Draußen weht Trauer-Beflaggung. Und genau um 12 Uhr wird in den Büros und Sitzungssälen mit einer Trauerminute der Opfer gedacht.

Nach der Tat wurde die renommierte Hilfsorganisation „Weißer Ring“ der Haupt-Leistungsträger bei der Betreuung der Attentats-Opfer in Euskirchen. Bereits einen Tag nach dem unsäglichen Ereignis waren alle Kontakte geknüpft. Als wenige Tage später in der Herz-Jesu-Kirche die Gedenkfeier für die Opfer gehalten wurde, verteilten Mitarbeiter der Opferschutz-Organisation „Rechtsberatungs-Checks“ an die Hinterbliebenen oder gaben Hilfestellung bei der Beantragung von Witwen- und Waisenrenten.

„Die Angehörigen der Opfer wohnten über ganz Deutschland verstreut“, erinnert sich Rudi Esch, Außenstellenleiter des „Weißen Rings“ in Euskirchen. „Heute ist die Betreuung in sämtlichen Fällen abgeschlossen. Viele der Betroffenen scheuen die Öffentlichkeit und sind in die schützende Anonymität abgetaucht“, setzt Esch einen Schlusspunkt.

Derweil feiern andere Betroffene der Wahnsinnstat seither an jedem 9. März ihren „zweiten Geburtstag“, wie sie es nennen: Dieter Mertens war an jenem Tag vor 15 Jahren als Gerichts-Protokollführer im Mikolajczyk-Prozess eingeteilt. Wenige Tage vorher hatte er einen Sport-Unfall erlitten und kam ins Krankenhaus. Dort erfuhr er von der Tat, bei der er eigentlich hätte anwesend sein sollen, „ . . was aber ein gnädiges Schicksal verhinderte“, erinnert sich der Mann heute.

Ähnliches Glück hatte Heidi Wassong. Die heute in Sinzenich im Ruhestand lebende 55-Jährige hatte damals als Diplom-Rechtspflegerin ihr Büro in besagtem Nebengebäude des Euskirchener Amtsgerichtes. Als sie in die Mittagspause will, geschieht die Wahnsinnstat. Sie entkommt aufgrund ihrer Reaktionsschnelle und durch überlegtes Handeln mit Hilfe eines zufällig vorbei kommenden Justizangestellten durch ein Fenster. Die mörderische Druckwelle der Bomben-Explosion entlädt sich nur wenige Zentimeter über ihrem Kopf.

„Die Schüsse, die gellenden Todesschreie und die Explosion sind unauslöschlich in meinen Erinnerungen haften geblieben“, gesteht die Frau. Seitdem besuche sie keine Schützenfeste mehr und selbst das Platzen eines Luftballons empfinde sie als äußerst unangenehm.

Die damals von der Landesregierung veranlasste Betreuung durch einen Psychologen habe sie als wenig hilfreich empfunden, erinnert sich Frau Wassong: „Der bot als Therapie Spiele mit einem Ball an, womit ich nichts anfangen konnte.“ Sie habe das Erlebte zusammen mit ihrem Ehemann gemeistert; in ruhigen Gesprächen und mit viel erfahrener Zuwendung. Noch heute danke sie ihrem Schöpfer, dass sie unbeschadet die Katastrophe überlebt und verarbeitet habe.

So ist für Heidi Wassong der 9. März stets Anlass, eine Kerze anzuzünden. „Nicht nur für mich, sondern auch für die getöteten Opfer.“