Zum ersten Mal Erdbeerverkauf in der Erdbeere: Die neue Saison ist da, und ich habe Dienst in der wieder neu aufgestellten Metall-Erdbeere an der L 182 zwischen Heimerzheim und Euskirchen. Es ist kurz vor zehn; vorsichtshalber habe ich mir Anna Gavaldas Bestseller: „Zusammen ist man weniger allein“ mitgebracht, damit in den kommenden viereinhalb Stunden keine Langeweile aufkommt. Aber das Buch bleibt liegen, denn schon kommt die erste „Kundin“, eine Motorradfahrerin, die aber nur wissen will, ob wir auch am Feiertag geöffnet haben: „Dann will ich nämlich meinen Gästen frischen Erdbeerkuchen anbieten.“ Antwort: „Ja.“
Aber ich habe noch nichts verkauft, denn auch der zweite Besucher, ein Autofahrer aus dem Kreis Ahrweiler, scheint eine Enttäuschung zu sein. Er kurbelt die Scheibe herunter und fragt nach dem Weg: „Ich möchte nach Ludendorf, wie komme ich da hin?“ Ich denke: „Schon wieder nichts.“ Doch dann überlegt der Mann es sich anders, steigt aus und nimmt eine Schale Erdbeeren mit. „Na, siehst du, es geht doch!“ sage ich zu mir selber.
Schon steht ein kleiner Junge mit seiner Mutter da, schaut sich um und sagt: „Und Sie wohnen in einer Erdbeere.“ Für ihn ist das Ganze wie ein Zauber. So viel Fantasie hat nur ein Kind. Für seine Mutter gibt es eine Schachtel Erdbeeren. In der Folge herrscht vor der bunten, weit sichtbaren, etwa drei Mal drei Meter großen Metall-Erdbeere am Rande eines Getreidefeldes fast immer Hochbetrieb. Der Straßfelder Landwirt Heck hat dort etliche Erdbeerkisten gestapelt, in denen jeweils zehn 500-Gramm-Erdbeerschalen zum Verkauf angeboten werden. Ein wenig Spargel ist auch dabei. Die meisten Kunden stellen als erstes die Frage nach dem Preis. Und weil zwei Schalen 16 Prozent günstiger sind als eine, kaufen die meisten zwei. Ein Kunde meint: „Recht bald sind die Erdbeeren billiger, dann komme ich zurück“, kauft aber dennoch. Ein anderer will handeln. „Geht nicht, hat der Chef nicht erlaubt.“ Der nächste Kunde kommt wie ich aus Straßfeld und flachst: „Wollte nur kontrollieren, ob Sie auch arbeiten.“
Nach dem Kauf von Erdbeeren und Spargel stellt er die Frage: „Was ist das für ein Getreide?“ Und hält mir die lange Gerstenfrucht hin. Als Kind vom Land weiß ich Bescheid. „Diese Frage habe ich meinen Studenten auch immer gestellt“, erklärt der frühere Uni-Professor und fährt nach Hause. Jetzt kommt ein Auto mit Hamburger Kennzeichen. „Guten Tag, sind die Früchte aus der Region?“ Antwort: „Ja“. - „Eigentlich wollte ich ja Kölsch mit in den Norden nehmen, nun werden es Erdbeeren aus dem Rheinland sein. Die Hamburger trinken sowieso lieber ihr Flensburger Bier“, meinte der nette junge Mann. Mehrere Kunden freuen sich, dass die Metall-Erdbeere wieder an ihrer alten Stelle steht. Eine Dame schlägt vor, Hinweisschilder an der Landstraße aufzustellen. Andere Käufer schwärmen: „Die Erdbeeren sehen aber Klasse aus.“ Sie bekommen eine Kostprobe.
Zwei Handwerker mit Neuwieder Kennzeichen machen mit ihrem Sprinter Halt, kaufen je zwei Schalen der leckeren Früchte, und einer „gibt einen aus“: Eine Schale kommt zwischen die Sitze zum direkten Verzehr. Wenig später erscheint eine Frau, fragt nach dem Preis für eine Schale und kauft zwei. Dann möchte sie wissen, ab wann Jugendliche sich denn für den Job in der Erdbeere bewerben können.
Ihr Sohn sei gerade 13 Jahre. „Aber der ist schon ein Kaufmann, wird in der Schule immer mit Kassenaufgaben bei Veranstaltungen betraut.“ Er soll sich im nächsten Jahr bewerben. Auch ein Lkw hält an. Der Fahrer findet zwar den Preis recht hoch, kauft aber trotzdem. Dann schaut der Erdbeerchef kurz vorbei. Frage: „Wie läuft es?“ „Gut“, kann ich nur antworten. An den Fensterläden der Erdbeere klappt er Metallstäbe ein. „Damit sich keiner verletzt.“ Und fährt davon. Um 14 Uhr hält eine junge Frau. „Ich war schon zu Hause, da sagte mein Mann, wieso hast Du keine Erdbeeren mitgebracht?“ Sie wohnt in Metternich, will bald eine große Menge Erdbeeren kaufen, weil die Mutter jedes Jahr für ihre fünf Kinder Marmelade kocht.
„Manchmal mit Rhabarber, aber in diesem Jahr ist der fast schon geerntet, ehe die Erdbeersaison losgeht.“ Für das Gedeihen der roten Früchte war es lange Zeit zu kalt. Meine viereinhalb Stunden Arbeitszeit „in der Erdbeere“ gehen dahin wie im Flug. Nur selten las ich in Anna Gavaldas: „Zusammen ist man weniger allein.“ Denn allein war ich fast nie. Um halb drei kommt Thea mit dem Fahrrad und löst mich ab. Sie ist Schülerin und macht schon ihre dritte Erdbeer-Saison mit. Für sie sind solche Erlebnisse, über die ich mich als Neuling so gefreut habe, schon Gewohnheit.