Abo

Vater des Expressionismus in Amsterdam

3 min

Das Bild „The Zouave“ aus dem Jahr 1888 des Malers Vincent van Gogh wird in Amsterdam ausgestellt.

Amsterdam - Dass die Maler Vincent van Gogh, Cezanne und Gauguin zu den wohl wichtigsten Ahnen der modernen Kunst gehören, ist eine Binsenweisheit.

Wie stark jedoch der Einfluss des Niederländers van Gogh (1853-1890) wirklich auf die umstürzlerischen Künstler des Expressionismus in Deutschland und Österreich gewesen ist, das will jetzt eine umfangreiche Gemäldeschau in Amsterdam belegen. Rund 100 Gemälde vom kraftvollen Kirchner-Städtebild bis zu den psychologischen Porträts Oskar Kokoschkas zeigt die seit dem Wochenende bis zum 4. März 2007 im van Gogh-Museum geöffnete Schau «Vincent van Gogh und der Expressionismus».

Auch wenn der kunsthistorische Hintergrund abgegriffen erscheint und das Essener Museum Folkwang erst vor wenigen Jahren auf diese überragende Rolle van Goghs hingewiesen hat: Die (Wieder-)Begegnung mit Meisterwerken der Malerei in der Grachtenstadt hat jeden denkbaren Reiz. Auch die ein wenig akademische Zergliederung des künstlerischen Korpus' van Goghs, der mit seinen freien Farben und seinem wildem Strich die «Brücke», mit seinem spirituellen Gehalt den «Blauen Reiter» und mit seinem Psychologismus die Wiener Moderne angeregt haben soll, wird angesichts der wirklichen Kunst verzeihlich.

Wie «modern» van Gogh tatsächlich sei, habe sich erst während der wissenschaftlichen Vorarbeit gezeigt, sagte der neue Direktor des weltbekannten Amsterdamer Museums, Axel Rüger, der dpa: «Er war kein Künstler des 19., sondern schon des 20. Jahrhunderts.» Seine starke Wirkung sei nicht - wie bisher angenommen - auf die frühen Jahre des Expressionismus beschränkt, sondern bis zum 1. Weltkrieg sichtbar.

«Van Gogh war uns allen ein Vater», resümierte so auch der Maler Max Pechstein für die expressionistische Generation - und das gilt für alle Aspekte der Malerei gleichermaßen, wie Ernst Ludwig Kirchners «Porträt des Malers Heckel» (1907) beweist. Konfrontiert mit einem Selbstbildnis van Goghs von 1888 interpretiert auch Kirchner den schaffenden Künstler an der Staffelei, verweist mit breitem, wilden Pinselstrich, fuchsrotem Haar und scharfem Blick im Bildnis seines Kollegen Heckel auf die an van Gogh geschätzte Außenseiterrolle des Malers.

Fern der realistischen Abbildung setzte schon van Gogh in seinem Meisterwerk «Der Zuave» (1888) mit klarem Kalkül wirkungsvoller, entfesselter Farbigkeit die Menschen flächig ins Bild, so wie es sich gleich daneben bei Pechsteins «Mädchen mit rotem Fächer» (um 1910) oder Heckels chiffrenartig verdichtetem «Sitzenden Mann» studieren lässt. Das Verschwinden der bühnenartigen Bildtiefe ist als Merkmal der Moderne schon bei van Goghs zahlreichen gezeigten Provence- Landschaften zu bemerken und wird bei Karl Schmidt-Rottluffs Steilküstenbild «Am Meer» (1906) zu einem flächigen Mosaik aus roten, blauen, gelben und grünen Pinselstrichen.

An Sigmund Freuds Wirkstätte Wien lebt nicht nur die von van Gogh praktizierte Einsicht in die Seele der Dargestellten weiter, wie Kokoschkas morbide Männer-Porträts etwa des Dichters Peter Altenberg oder die Serie von Egon Schieles Selbstbildnissen belegen. Schiele adaptiert vor allem den zerbrechlich wirkenden Strich des Niederländers. Nichts mit der südlichen Lebensfreude der buttergelben, weltweit populären «Sonnenblumen» van Goghs hat die gleich daneben präsentierte «Herbstsonne» Schieles zu tun. Das tief melancholische, von fahlem Licht beschienene Blumen-Stillleben entstand 1914 am Vorabend des großen Krieges, galt für Jahrzehnte als verschollen und ist nach seinem überraschenden Auftauchen auf einer Auktion jetzt erstmals öffentlich zu sehen. An dieser Stelle verdient die Amsterdamer Schau das Etikett «Sensation».

www.vangoghmuseum.nl (dpa)