WACHTBERG. In Mehlem wird es noch gepflegt: Jedes Jahr pünktlich am Fastnachtsdienstag um 12 Uhr erklingt dort vom Turm der Pfarrkirche das so genannte Beiern, eine besonders festliche Form des Glockengeläuts, die früher im Rheinland weit verbreitet war. In Mehlem wird damit an Heinrich und Kunigunde erinnert, das legendäre Liebespaar aus dem 16. Jahrhundert. Einem alten Bericht zufolge soll Heinrich um 1520 irrtümlich wegen Mordes an seiner Verlobten Kunigunde hingerichtet worden sein. Noch unter dem Galgen habe er seine Unschuld beteuert und der Gemeinde einen Weinberg vermacht, aus dessen Erträgen jährlich an seinem Todestag für ihn geläutet werden sollte. Die Hinrichtung fand an einem Fastnachtsdienstag an der heute als Heinrichsblick bekannten Stelle statt, und noch heute wird das Vermächtnis erfüllt.
Die Tradition des Beierns oder Bemmschlagens lässt sich bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen. 1338 verzeichnen die Aachener Stadtrechnungen eine Vergütung für das feierliche Beiern anlässlich des Karlsfestes am 27. Juli. Die ältesten Belege für die hiesige Gegend stammen aus dem 17. Jahrhundert. In einem Bericht über die Rheinbacher Fronleichnamsprozession des Jahres 1632 wird beschrieben, wie damals mit allen Glocken der Stadt gebeiert, gebemelt und geläutet wurde.
Über die Jahrhunderte blieb die Begeisterung für das Beiern ungebrochen - nicht unbedingt zur Freude der Obrigkeit, die um ihre kostbaren Glocken fürchtete und immer wieder mahnende Verordnungen erließ. So verfügte beispielsweise die königliche Regierung zu Köln im Mai 1820: Alles übrige Geläute, besonders das Glockenschlagen oder sogenannte Baiern, außer am Vorabend der feierlichen Fronleichnams-Prozession eine Stunde lang und am Tage selbst, während dem Zuge der Prozession, sodann am Vorabend des Tages, an welchem das Fest des Kirchenpatrons gefeiert wird, ebenfalls eine Stunde lang und während der Prozession am Tag selbst, wird strengstens verboten. Damals wurden die Glocken vielfach auch mit Hämmern angeschlagen, wodurch es nicht selten zu Beschädigungen kam. In einem Niederbachemer Visitationsprotokoll aus dem Jahr 1715 ist die Rede von einer solchen beschädigten Glocke. Vermutlich war sie durch unsachgemäßes Beiern zersprungen.
Beim Beiern werden zunächst die Glocken in ihren Achsen arretiert. Anschließend zieht man die Klöppel ganz nah an den Glockenrand und bindet sie dort mit einem Seil fest, dessen anderes Ende straff am Gebälk des Glockenstuhls befestigt wird. Durch Ziehen oder Schlagen auf die Seile können nun die Glocken in schnellem Wechsel angeschlagen und sogar einfache Melodien gespielt werden. Dies erfordert allerdings viel Kraftaufwand und Taktsicherheit.
Da in jedem Ort Anzahl, Größe und Stimmung der Glocken unterschiedlich waren, ergab sich beim Beiern jedes Mal eine eigene Melodie. Zu dieser Melodie wurde dann meist auch ein passender Vers gemacht. In Mehlem hieß es: Spinatjemös on Limmesfleesch, on dat schmeck joot, on dat schmeck joot, nu denk ees. In Muffendorf und Niederbachem reimte man: Moffendörp on Baachem, stief Land, stief Löck, stief Land, stief Löck, o Baachem, o Baachem. In Berkum, wo es mehrere Varianten des Beierns gab: Minge Luhn will ich han, minge Luhn will ich han, von Osterdaach bis Pingste oder Wenn de Berkumer de Bemm schlohn, stohn de Peußemer (Pössemer = Werthhovener) Sauköpp do, nit gewäsche, nit gekämmt, nit gewäsche, nit gekämmt. In Werthhoven lautete der entsprechende Vers: Wie die Lück, su et Land; stief Lück, stief Land.
Mit dem Aussterben der alten Fachleute ging vielfach auch die erforderliche Technik verloren. Auch die zwangsweisen Glockenablieferungen im 2. Weltkrieg sowie die Einführung elektrischer Läutwerke trugen dazu bei, dass man heute das Beiern nur noch in wenigen Orten hören kann. In der Gemeinde Wachtberg scheint das Beiern fast ausgestorben zu sein. Nur noch der Fritzdorfer Johannes Mombauer beherrscht die alte Kunst. In Niederbachem, wo früher jeweils am Vorabend des Kirmestages von Josef Zettelmeyer und Heinrich Luhmer gebeiert wurde (wahrscheinlich waren hier zwei Leute erforderlich, weil die Glocken so ungünstig hingen), erlosch die Tradition schon in den 1930er Jahren, ebenso auch in Berkum und Werthhoven. In Villip wurde das Beiern 1984 durch Altbürgermeister Jakob Bach wieder eingeführt, der aber leider keinen Nachfolger gefunden hat. So ist Mombauer bislang der letzte Vertreter seiner Zunft.