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Vom Nachbarn vergewaltigt?

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BONN / SANKT AUGUSTIN. Die beiden Familien leben Wand an Wand: Gemeinsam bauten sie ein Haus in Sankt Augustin; jeder bewohnt eine Doppelhaushälfte. Die beiden Familien sind Freunde, teilen nicht nur ihren Alltag, sondern auch ihre Freude, ihr Leid. Sonntags beten sie auch gemeinsam: Beide Familien gehören einer Freikirche an. An einem solchen Sonntag nach dem Gottesdienst wurde das Dunkel dieser Idylle offenbar: Die 11-jährige Tochter war von der Predigt so aufgewühlt, dass sie bei ihren Eltern eine Beichte ablegte. Über etwas Ungeheuerliches.

Das Mädchen erzählte damals, dass sie von dem Nachbarn und Vater ihres Spielkameraden sexuell missbraucht worden war: Über zwei Jahre soll der „Freund“ jede Gelegenheit genutzt haben, das damals sieben Jahre alte Schulkind zu vergewaltigen. Im Garten, in der Garage, im Schlafzimmer, wenn die Ehefrau nicht da war. „Meine Eltern bekamen einen Schock“, erinnert sich die heute 22-Jährige gestern als Zeugin vor dem Bonner Landgericht: „Aber die Sache wurde schnell begraben.“

Die Eltern verziehen ihrem Freund und Nachbarn, man beschloss über die Sache Gras wachsen zu lassen. Auch der Ältestenrat der freikirchlichen Gemeinde erteilte dem Täter Absolution. Die beiden Familien wohnten weiter Wand an Wand und fuhren gemeinsam in den Urlaub: „Über die Sache“, sagt Susanne, „wurde nie mehr gesprochen.“

Zehn Jahre später: Die eine Mutter warnt die andere Mutter. Im Schlafzimmer ihres Ehemannes hatte sie eine Mädchenjacke gefunden. Die Jacke gehört der 13 Jahre jüngeren Schwester. Die Mutter bekommt Panik - und befragt ihr Kind. Was sie erfährt, ist noch ungeheuerlicher. Demnach wurde das Mädchen nicht nur vom heute 52-jährigen Nachbarn vergewaltigt, sondern auch von seinem Sohn; dem Jungen, der damals Spielkamerad des ersten Opfers war.

Die Mutter steht unter Schock, schlägt ihr Kind. Aber Konsequenzen haben die Vorgänge immer noch nicht. Gemeinsam fahren die Familien in den Urlaub: Die mutmaßlichen Täter mit dem jungen Opfer. „Wir wussten nicht, wie wir reagieren sollten“, sagt die Mutter entschuldigend im Zeugenstand. Schließlich ergreift die Tochter die Initiative und zeigt die Sache an. Keineswegs, wie sie erklärt, „um sich selbst an dem Mann zu rächen, sondern um die Umgebung vor diesem Mann zu schützen“. Sowohl der Vorsteher der freikirchlichen Gemeinde, wie auch der Täter setzten das Opfer unter Druck: Die junge Frau sollte die Strafanzeige zurückziehen. Sie hat es nicht getan.

Seit gestern sitzen Vater und Sohn (24) auf der Anklagebank vor der Bonner Jugendschutzkammer: Dem Vater wird Vergewaltigung in fünf Fällen, dem Sohn werden vier Vorfälle vorgeworfen. Während der Vater gestern ein umfassendes Geständnis ablegt, bestreitet der Sohn die Vorwürfe. Jetzt muss auch die heute zehnjährige Tochter in den Zeugenstand.