KRÖV. Rotbäckchen, lila Kuh und Meister Propper - je einprägsamer eine Werbefigur, desto unverrückbarer ihr Image. Die Marke „Kröver Nacktarsch“ ließ einen beschaulichen Weinort vor 50 Jahren fast schon zum „Mallorca der Mosel“ aufsteigen. Der entblößte Knabenpo auf dem Wein-Etikett stand für Weinseligkeit und günstig-süffigen Massenwein aus deutschen Landen. Weg mit dem Kitsch-Image, sagt sich nun die neue Winzergeneration - und versucht mit Können bei Kennern zu punkten.
Image verheißt: süß und billig“
Der klare Pluspunkt für die Kröver Winzer ist der Bekanntheitsgrad ihrer Hauptlage. Den Kröver Nacktarsch kennt schließlich fast jeder Weintrinker jenseits der Altersgrenze 50. Doch die Marken-Zuordnung hat sich auch als Hemmschuh für hervorragende Mosel-Lagen und aufstrebende Flaschenwein-Winzer entwickelt. Am Image „süß und billig“ rütteln, das hat sich die junge Generation der Selbstvermarkter vorgenommen. Bei regelmäßigen Treffen diskutieren und proben sie kritisch gegenseitig ihre Weine, überlegen Strategien, laden Fachleute ein.
Die Zusammenschlüsse junger Mosel-Winzer tragen kreative Namen: „Moseljünger“ nennen sich 16 Riesling-Winzer im Saar-Mosel-Gebiet, „Breva“ hat sich eine Vermarktungsinitiative für Steillagen-Weine getauft. Zur „Bergrettung“ rufen zehn Winzer in Traben-Trarbach auf. Zu einem „klitzekleinen Ring“ zusammengeschlossen sagen sie gemeinsam Brachflächen den Kampf an.
Das Dilemma an der Mosel ist klar: Wo Berge zu steil für Maschinen sind, bleibt Weinbau aufwendige Handarbeit. Betriebe sind darum meist kleiner, Hektarflächen und Ertrag pro Mitarbeiter geringer. Zeit für Marketing ist knapper als in anderen Weinbau-Regionen Deutschlands. Zudem liegt keine Großstadt-Region in Reichweite.
In Kröv, einem beschaulichen Mosel-Ort mit knapp 2300 Einwohnern und fast 100 Winzerbetrieben, startete vor fast zwei Jahren eine Initiative mit Elan. Das Ziel der neun Jungwinzer: Ihre Lagen in den Köpfen der Verbraucher mit einem neuen Image zu versehen. „Unsere Großlage ist extrem bekannt“, weiß Initiator Jan Klein. Kein Wunder, denn ein kleiner Junge mit bloßem Hinterteil amüsiert als Kröver Nacktarsch auf dem Etikett seit Generationen die Weintrinker. Jahrzehntelang wirkte der Markenname einprägsam. Kröv steht im In- und Ausland für Nacktarsch - aber eben gleichzeitig für süßen Massenwein.
„Wir wollen an diesem Ruf schrauben“, sagt auch Christian Klein. Gerade einmal 0,8 Hektar bewirtschaftet der Weinbau-Ingenieur. Auch diese Rebzeilen haben es in sich. Mit bis zu 70 Prozent Steigung bieten sie bestes Mosel-Klischee. Viel Arbeit, viel Schufterei für wenig Menge pro Betrieb. „Wir an der Mosel können nicht so viel Geld und Zeit ins Marketing stecken“, diagnostiziert auch Kollege Jan Klein vom Acht-Hektar-Weingut Staffelter Hof. Aber auf Masse wie in den 1960er- und 70er Jahren ließ sich mit fallenden Fasswein-Preisen nicht länger setzen. Die Erkenntnis hat sich bei vielen Kollegen längst durchgesetzt. „Klasse“ heißt die Überlebensstrategie. Und Trommeln lernen. Teils euphorische Kritiken von Weinkennern sind inzwischen der Lohn für die Nacktarsch-Kampfansage.
Immerhin gehören zur Großlage mit dem derben Namen zwei der besten Mosel-Lagen. Der steile Hang des „Steffensbergs“ kann bis zu 70 Prozent Neigung unter seinen Rieslingstöcken vorweisen. Wie auch „Letterlay“ als Spitzenlage ist er unter dem Nacktarsch-Mantel in Vergessenheit geraten. Manche Weinkenner sprechen heute jedoch begeistert vom „schlankem Körper“, „strahlender Frische“, „feiner Kräuter- und Mineralien-Note“, also von rundum moderner Mosel-Eleganz im Glas.
Eines scheint klar: Ein nacktes Hinterteil allein reicht nicht. „Knackarsch“ hat Jan Klein darum frech einen seiner Rieslinge getauft. „Wenn wir den Imagewechsel geschafft haben, dann kann ich mir durchaus ein Nostalgie-Produkt vorstellen“, überlegt er. Doch müsste das Kult-Getränk mit dem entblößten Hinterteil als sanft-saftiger oder filigran-feinfruchtiger Wein überraschen. (dpa)
