Die Situation ist skurril: Jemand überquert die Straße und diskutiert halblaut mit sich selbst. Andere Passanten sind amüsiert und halten ihn vermutlich für einen komischen Kauz. Dabei sind Selbstgespräche nicht ungewöhnlich oder gar krankhaft, sondern werden von den meisten Menschen geführt.
Setzt sich eine Idee oder ein Problem im Kopf fest, beginnt die innere Diskussion, und oft äußert sich die eine oder andere Stimme auch laut. Friedemann Schulz von Thun, Psychologieprofessor und Kommunikationstrainer aus Hamburg, spricht von einem „inneren Team“: Es gebe den Schüchternen, den Verschämten, den Selbstbewussten, das Mauerblümchen und den heimlichen Schlingel. Alle redeten durcheinander wie in einem großen Klassenzimmer.
Ist ein Mensch in der Lage, seine innere Kultur zu pflegen und die Stimmen bewusst zu moderieren, kann er für sich selbst einen großen Gewinn daraus ziehen. „Das laute Selbstgespräch ist eine Hilfe, diesen Stimmen Ausdruck zu verleihen und sie zu ordnen“, sagt Schulz von Thun. Laute Stimmen werden dabei relativiert, den leisen wird mehr Raum gegeben. Auf dieser Basis könne dann eine Handlungsentscheidung getroffen werden.
Mit Hilfe des Selbstgespräches können schwierige emotionale Zustände wie Trauer oder Schmerzen verarbeitet werden. Bei der Stress- und Schmerzimmunisierung dienen Selbstgespräche zum Beispiel dazu, mit problematischen Situationen positiv umzugehen und dadurch die eigene Belastbarkeit zu steigern. Sportler haben dieses Geheimnis längst entdeckt und motivieren sich mit Sätzen wie „Komm schon! Du schaffst das!“
„Laut ausgesprochen ist solch eine positive Programmierung handlungsleitend und hält die Konzentration aufrecht“, sagt Klinger. Auch beim Managertraining werde deshalb die „bewältigungsorientierte Selbstinstruktion“ geübt. Überhaupt ist laut Klinger der hörbare Dialog mit sich selbst die effektivste Methode des Lernens. Was laut ausgesprochen wird, bekommt Gewicht, und der Körper tut, was man ihm aufträgt. Deutlich wird das vor allem bei kleinen Kinder, die ihre Denk- und Handlungsprozesse anregen, indem sie ihr Handeln durch Reden kommentieren.
Aber nicht jedes Selbstgespräch ist gesund. Ob ein Gespräch positiv oder negativ ist, hängt davon ab, wie und warum es geführt wird. Experten wie Steffen Fliegel von der Gesellschaft für Klinische Psychologie und Beratung in Münster unterscheiden zwischen konstruktiven und destruktiven Gesprächen. Letztere können Ausdruck von Stress, psychischen Belastungen oder Störungen sein. Diese Gefühle treten etwa in Form von Selbstabwertung, Ängsten, Befürchtungen oder Misstrauen zu Tage. Das innere Selbstgespräch spiegelt die Problematik wider und kann diese sogar noch verstärken. Dabei können sich die Stimmen auch gegen die eigene Person richten, sagt Gerhard Tiemeyer, Leiter der Bildungsakademie der Deutschen Gesellschaft für alternative Medizin in Hannover.
Selbstgespräche werden normalerweise dann geführt, wenn sich die betroffene Person allein glaubt. Lautes Sprechen mit sich selbst auf einer belebten Straße sei daher als problematisch einzustufen. „Wenn die soziale Auffälligkeit für den Betroffenen weniger wichtig ist als das Thema, das ihn gerade beschäftigt, kann das auf eine psychische Erkrankung hinweisen“, sagt Fliegel. Im Freundes- oder Bekanntenkreis könnten diese Menschen offen auf ihr Verhalten angesprochen werden, damit in ihnen ein Bewusstsein für die Schwäche entsteht.
Handelt es sich um ein krankhaftes Muster, ist psychologische Hilfe ratsam. In der Therapie werden die Ursachen analysiert. Dabei kann das innere Selbstgespräch mit einbezogen werden, und die Patienten lernen, hinderliche innere Sätze durch förderliche zu ersetzen. Ein anderer innerer Dialog ist wesentlich für die Veränderung des Verhaltens und der Gefühle: „Hat der Mensch gelernt, das Gespräch mit der eigenen Person konstruktiv zu moderieren, sind Selbstgespräche normal und wünschenswert“, sagt Fliegel.
Literatur: Friedemann Schulz von Thun, Miteinander Reden 3 - Das Innere Team und situationsgerechte Kommunikation, 8,90 Euro.
