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Wenn die Überschrift zum Punksong wird

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Die Harald-Schmidt-Show in ihrer Eigenschaft als investigativstes Magazin des „Kuschelsenders“ SAT.1 brachte es an den Tag: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Deutschlands großes Paradeblatt, ist von Anarchisten unterwandert. Seit Wochen, wusste Manuel Andrack zu beweisen, basteln Redakteure der Feuilleton-Redaktion Überschriften und Bildzeilen aus Songtiteln und Zitaten der Punkband „Die Ärzte“.

Pina-Bausch-Premiere, Überschrift „Doch ob du mich lieb hast, das weiß ich nicht“: ein Originalzitat aus dem Song „Du willst mich küssen“. „Saddams Brille“: eigentlich „Buddy Hollys Brille“. Kriegs-Feature „Die Welt könnte so schön sein ohne Recht“: bei den Ärzten „... ohne Dich“. Alles geklaut aus Liedern der Berliner Rotz-Barden. Auch in der gestrigen Ausgabe wurde die Rundschau wieder fündig: „Ja, so muss ein Cowboy sein, geizig, müde und allein“, hieß es über George Bush und die Türken (Originaltext: „... dreckig, feige und gemein“). „Bademeister Karl“, der Titel einer Rossini-Rezension, findet sein Original in „Paule heißt er, ist Bademeister im Schwimmbad um die Ecke“. Mit ihren Nonsens-Headlines haben die Kulturjournalisten die Bildungsbürger so richtig verulkt. Und keiner hat’s gemerkt, einen Monat lang.

Sollte uns die Sache wundern? Eigentlich nicht. Denn der Anarcho-Sport der FAZ-Intellektuellen hat Tradition. Angefangen hat alles mit der berühmten Donaldisten-Unterwanderung des Feuilletons. Vor drei Jahren hatte ein Wiener Kollege aufgedeckt, dass der Kulturteil in Deutschlands Über-Tageszeitung seit 1997 von Anhängern Donald Ducks okkupiert war.

Medienspezialist Patrick Bahners und Comic-Experte Andreas Platthaus hatten beim Texten „einschlägige Wühlarbeit geleistet“, so viele Sprechblasen wie möglich im Feuilleton unterzubringen. Im Zeichen der Ente trug ein FAZ-Artikel zum amerikanischen Unabhängigkeitstag die Überschrift „Hört sich an wie nahes Donnergrollen“ in Anlehnung an ein berühmtes Panzerknacker-Zitat. Und eine Antigone-Rezension war betitelt „Ach, dass mein Herz doch schmülze...“ Weiter geht’s, schlag’ nach bei Donald, „... wie eine saure Sülze“. Ganze zehn Duck-Zitate fanden sich in einer denkwürdigen Freitagsausgabe Mitte April, in deren Folge Bahners beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ die Karten auf den Tisch legte, nicht ohne die Befürchtung zu äußern, „dass unsere Vorgesetzten uns das nun verbieten“. Heute ist Bahners selbst Kulturchef und hat zumindest in dieser Hinsicht nichts zu befürchten. Im Gegenteil, man darf den Verdacht hegen, dass der Donaldist persönlich die Anarchie in seinem Haus sozusagen aus dem Hinterhalt weiter befördert. Schon vor anderthalb Jahren flog auf, dass auf der Stil-Seite seines Kollegen Klaus Ungerer regelmäßig Texte der Hamburger Indie-Rockband Tocotronic erschienen. So stand über einem Ausflug nach Dänemark: „Jenseits des Kanals war der weite blaue Himmel“, obwohl im Artikel weder von Kanal noch Himmel die Rede ist. Nur ein paar jüngere Kollegen hätten seine Würdigungen durchschaut, sagte Tocotronic-Fan Ungerer der „Süddeutschen Zeitung“ enttäuscht.

Gestern nahm niemand bei der FAZ Stellung zum Geschehen. Das ist bei den Ärzten anders. Ja, die Zitate stimmen alle, lassen die Musiker, die derzeit an ihrem neuen Album arbeiten, von Manager Axel Schulz ausrichten. „Als Fans eines der bekanntesten und seriösesten deutschen Punk-FAnZines (eben der FAZ) finden wir alle das natürlich super und freuen uns darüber. Die Band überlegt als Revanche, die Songtitel des kommenden Ärzte-Albums ausschließlich aus Zitaten des Feuilletons der FAZ zu rekrutieren.“

Bis dahin sind wir gespannt, welche Unterwanderungen uns die FAZ demnächst bietet. Wer weiß, wie viele wir schon verpasst haben...