Das ging schneller als erwartet. Nach nur vier Minuten hat „lover123“ seine Chat-Partnerin „Janine15“ zu einem Treffen zu sich nach Hause in Gießen eingeladen - mit eindeutigen Absichten: „Wenn du kommst, bin ich für alles zu haben!!!“ Und das auf einer Webseite, die eigentlich als virtuelle Kontaktstelle für Schüler gedacht ist. Der Feldversuch unter dem Pseudonym „Janine15“ ist also gelungen - erschreckend.
Auch die Schülerin Nadine hat beim „Chatten“ im August 2006 leichtfertig persönliche Angaben verraten. Die 15-Jährige lernte ihren mutmaßlichen Mörder in einem Chatroom kennen. Das sind Webseiten, auf denen sich mehrere Nutzer in Echtzeit miteinander schriftlich unterhalten können - anonym und mit - wie im Fall Nadine - sogar tödlichen Folgen.
Denn der mutmaßliche Täter (20) hatte unter dem weiblichen Pseudonym „Summerbabe“ mit ihr „gechattet“, kannte vorher nur Nadines ältere Schwester. Nachdem sie „Summerbabe“ erklärt hatte, dass sie gerade alleine zu Hause war, soll sich der Mörder kurz darauf auf den Weg nach Wetter an der Ruhr gemacht und sie mit mehreren Messerstichen getötet haben. Gestern begann der Prozess gegen ihn.
Die virtuelle Unterhaltung in Echtzeit mittels Tastatur liegt im Trend. Die beliebten Tummelplätze im Cyberspace besuchen in Deutschland 40 Prozent der 14- bis 19-Jährigen mindestens einmal wöchentlich, ein Drittel der 6-13-Jährigen war schon einmal auf einer solchen Seite, haben Studien ergeben. „Chatten ist zu einem Massensport geworden“, sagt Janis Androutsopoulos vom Institut für Deutsche Sprache in Mannheim. Hunderte Chatroom-Anbieter buhlen um die Gunst der Nutzer. Flirten, Erfahrungsaustausch unter Vegetariern, philosophische Diskurse oder Heimwerken - zu wohl allen Themen gibt es eine Kommunikations-Plattform im weltweiten Datennetz.
Dabei gibt es auch seriös gedachte Chatrooms. Etwa einen für Schüler, auf denen Verbindungen zu Webseiten von Gymnasien aufgelistet sind. Um hier als „Janine15“ mit anderen Schülern schwatzen („Chat“) zu können, müssen nur Name, E-Mail-Adresse und ein Passwort eingeben werden - nachgeprüft wird nicht. Schon kann es los gehen.
Zu Beginn herrscht Verwirrung vor dem Bildschirm. 20 Nutzer sind „eingeloggt“. Wie in einem Ticker fliegen jede Sekunde neue, kurze Sätze auf den Bildschirm. „Sexyboyderwelt“ schreibt: „Na girls wie gehts?“ Und „ellysweet“ antwortet: „ka.“ Das bedeutet: „Keine Ahnung.“ Auf Rechtschreibung wird nicht geachtet. Abkürzungen, Slang-Ausdrücke und gelbe Smileys gehören zum guten Ton. Wer an einen Gesprächsfaden anknüpfen will, muss sich eben auskennen.
„Janine15“ fragt erstmal ganz naiv: „Warum geht ihr nach der Schule nicht einfach raus? Die Sonne scheint!“ Davon will „ellysweet“ nichts wissen: „langweilig!!!!“ Und „checkerbunny2“ meint: „voll öde hier. ich geh nintendo zocken“. Auch „lover123“ will davon nichts wissen, fragt aber: „@Janine15: Gehst du privat?“ Das bedeutet: Lass uns getrennt von den anderen chatten.
Über mehrere Klicks mit der Maus sind die Nutzer in einer eigenen Nutzeroberfläche. Persönliche Angaben oder Fotos - Fehlanzeige. Nach einem kurzen Geplänkel über Aussehen und Wohnort kommt Versuchskaninchen „lover123“ gleich zur Sache. Das reicht „Janine15“: „Muss aufhören. Meine Mutter kommt gerade rein.“ Kurz vor dem Abmelden vom Chatroom schreibt „stylagirly93“ noch ihre komplette Telefonnummer für „Flame91“ in den Ticker. Viel Glück!
