London - Seit Jahrzehnten ziert die Buchumschläge der Dramen von William Shakespeare ein Porträt des englischen Dichters, das einen Edelmann von vornehmer Blässe in schmucker Weste zeigt.
Im wirklichen Leben habe Shakespeare (1564-1616) jedoch ganz anders ausgesehen, behaupten britische Kunstexperten. Das Bild sei eine Fälschung, eine von vielen. Wissenschaftler streiten seit langem über das Aussehen Shakespeares. Eine Ausstellung der National Portrait Gallery in London geht der Frage erneut nach. Sechs der bekanntesten Shakespeare-Darstellungen werden bis zum 29. Mai gezeigt, und davon soll das so genannte Chandos-Porträt dem wahren Antlitz des Dichters angeblich noch am ehesten entsprechen.
Statt des Edelmanns auf den Buchumschlägen zeigt das Chandos- Bildnis einen einfach aussehenden, etwa 40-jährigen Mann mit hoher Stirn und goldenem Ohrring. In den vergangenen vier Jahren haben die Experten der National Portrait Gallery die verschiedenen Darstellungen erstmals mit neuesten wissenschaftlichen Methoden untersucht. «Die Beweise sind nicht absolut wasserdicht, aber höchstwahrscheinlich schaut uns auf diesem Bild William Shakespeare entgegen», erklärt Tarnya Cooper, Expertin für Ölgemälde aus dem 16. Jahrhundert und Organisatorin der Ausstellung.
Das Chandos-Porträt entstand zwischen 1603 und 1610, und anders als bei den übrigen Bildern sind zu seiner Herkunft viele Details bekannt. 1719 wurde das Ölgemälde erstmals als Shakespeare- Darstellung erwähnt. Es wird dem englischen Maler John Taylor zugeschrieben, der das Ölgemälde William Devenant hinterlassen haben soll. Er war entweder Shakespeares Patenkind oder vielleicht sogar sein unehelicher Sohn. Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Bild mehrmals übermalt, dann mit Ätznatron gesäubert und ist jetzt in einem sehr schlechten Zustand.
In England ist das Chandos-Porträt seit jeher unbeliebt. «Es ist unvorstellbar, dass Shakespeare so ausgesehen hat», schrieb im 19. Jahrhundert der Kritiker Hain Friswell. Ihn störten die «dunkle Hautfarbe, der ausländische Gesichtsausdruck, die dünnen Haare» und vor allem der Ohrring, der «vielleicht zu Seefahrern aber nicht zu Englands berühmtesten Schriftsteller passt». Irgendwie sah Shakespeare also nicht so aus, wie es seine Landsleute gerne hätten. Der Mann auf dem Chandos-Bild sehe eher aus «wie ein rauher Geselle, der einem ein Messer an den Hals halten würde», spottete die britische Presse.
Der große Verlierer unter den gezeigten Shakespeare-Bildern ist das so genannte Flower-Porträt, die wohl bekannteste Darstellung des Dichters. Wer an Shakespeare denkt, dem erscheint mit großer Wahrscheinlichkeit dieses Bild vor dem geistigen Auge. Obwohl das Jahr 1609 als Entstehungsdatum eingraviert ist, konnten Experten mit radiologischen Radierungen nachweisen, dass es sich um ein Gemälde aus dem 19. Jahrhundert handelt. Der clevere Fälscher hatte eine Madonnendarstellung aus dem 16. Jahrhundert einfach übermalt.
Damit erhält die Debatte um Shakespeares Aussehen neuen Zündstoff. Das Flower-Porträt ist ein wichtiges Glied in der Argumentation der deutschen Anglistin Hildegard Hammerschmitt-Hummel, die im Vorfeld der Londoner Ausstellung behauptete, sie habe die Echtheit der bislang für gefälscht gehaltenen so genannten Davenant-Büste nachgewiesen. Tarnya Cooper hält diese These jedoch für «unglaubwürdig», Stanley Wells von der Universität Birmingham sogar für «totalen Unsinn».
Auch die übrigen vier Shakespeare-Darstellungen entstanden nicht zu Lebzeiten des Dichters. Unpassende Kleidung für die damalige Zeit oder spätere Nachbesserungen entlarvten die Bilder als Fälschungen. «Ein Foto von Shakespeare wäre so wertvoll wie ein Nagel vom Kreuz Jesus», schrieb vor einigen Jahren die inzwischen gestorbene amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag, und da es diesen Beweis nicht gibt, wird Shakespeare auch weiter für Streit unter den Experten sorgen. (dpa)
