RHEIN-ERFT-KREIS – Es ist kurz nach 19 Uhr im Villewald. Nur wenige hundert Meter vom offenen Hochsitz entfernt, bringt Stephan Kirsch seinen Wagen mitten im Wald zum Stehen. Er ist Jäger und kennt sein etwa hundert Hektar großes Revier, das Hochmaar West, wie seine Westentasche.
Mit der Büchse über der Schulter, dem Fernglas um den Hals und einem Sitzkissen in der Hand marschiert er zielstrebig vorweg, warm verpackt in Lederhose, Parker, Kappe und hohen gefütterten Stiefeln. Sein Ziel ist ein knapp ein Quadratmeter großes nach oben hin offenes Holzgestell in etwa zwei Meter Höhe. Es ist windstill, knapp sechs Grad kalt. Keine Wolke verdeckt den Vollmond. Es herrschen ideale Verhältnisse für die Ansitzjagd auf Schwarzkittel.
Ab jetzt sind Reden und Rascheln tabu, das Handy ist ausgeschaltet. Schussbereit liegt die Flinte, eine mit 9,3-Millimeter-Geschossen geladene Repetierbüchse, auf der Brüstung des Hochsitzes. Mucksmäuschenstill harrt Kirsch fast bewegungslos in seinem Sitz. Er kennt das Ritual und weiß genau, auf welche Geräusche er zu achten hat.
Um den Bestand der Wildschweine in Grenzen zu halten, muss der 42-Jährige öfter raus in den Wald zur Jagd. In diesem Jahr hat er jedoch erst zwei Wildschweine vor die Büchse bekommen. „Durch eine intensive Bejagung der Schwarzkittel wurde der Bestand in den vergangenen beiden Jahren bereits ordentlich reduziert“, erklärt Kirsch. Gleichwohl sei das ökologische Gleichgewicht im Wald immer noch nicht erreicht.
Hauptberuflich ist Kirsch Landwirt in Kerpen. Er baut Weizen, Mais und Zuckerrüben an und weiß aus eigener Erfahrung, welche Schäden ein Überbestand der Schwarzkittel der Landwirtschaft zufügen kann. Auch in seinen Weizenfeldern hinterließen schon Wildschweine ihre Spuren.
Mittlerweile ist es 20 Uhr. Es raschelt und knistert im Unterholz. Kirsch spitzt die Ohren. Ein Waldkauz ruft, das Rascheln von Laub und Abknicken von Ästen wird lauter. Kirsch richtet sich auf - späht durch sein Fernglas. Nichts. „Wildsauen leben mit ihren Frischlingen in Familienverbänden, die hört man, bevor man sie sieht“, flüstert Kirsch. Eben noch völlig entspannt lauscht der 42-Jährige hochkonzentriert in den Wald. Doch es ist absolut ruhig geworden. Nur das Rauschen der Fahrzeuge auf der nahen A 61 ist zu hören. Wir warten.
Zwischen Konzentration und Entspannung
Der Vollmond strahlt jetzt mit voller Kraft. Bäume und Sträucher nehmen seltsame Formen an. Wieder raschelt es im Laub. „Das ist eine Waldmaus“, flüstert Kirsch. Ein leichter Wind kommt auf. Noch einmal ruft das Waldkauz, ansonsten bleibt es ruhig. Kirsch liebt diese Atmosphäre und den Wechsel zwischen höchster Konzentration und totaler Entspannung. Auf dem Hochsitz geht er seinen Gedanken nach, träumt, döst und schmiedet Pläne.
Nun ist es 21.30 Uhr. Leichte Wolken sind vor den Mond gezogen und tauchen den Wald nun in ein dumpfes Licht. Das laute Knacken eines Astes lässt Kirsch aufschrecken. „Das könnte eine Wildsau sein“, flüstert er. Und dann hört es sich tatsächlich so an, als grunze eine ganze Wildschweinfamilie. Kirsch hält den Atem an, richtet sich wieder auf. Lauscht, späht - doch dann ist es wieder still.
Gegen 22 Uhr steht der Mond fast senkrecht über dem Hochsitz. Silber glitzern die Blätter der Laubbäume. Es ist noch kälter geworden. Die Luft ist klamm. Es riecht nach welkem Laub und feuchter Erde. Nur das Rascheln der Waldmäuse in den herabgefallenen Blättern ist zu hören. Wir brechen auf. Mehrere Rehe huschen auf dem Heimweg durch den Wald - aber Wildschweine bleiben heute in Deckung.
