Abo

Willy DeVilleGlorioser Außenseiter

3 min

Der amerikanische Sänger und Songwriter Willy DeVille ist mit 58 Jahren an Krebs gestorben. (Bild: dpa)

In seinen Glanzzeiten sah er verwegen aus: Brillantine-gebändigte Locken, Menjou-Bärtchen unter gebrochener Nase, Brilli im Schneidezahn. Willy DeVille erinnerte verdächtig an einen Südstaaten-Zocker, der bei ungünstigem Spielverlauf wohl rasch ein Silberpistölchen aus dem Dandy-Gehrock ziehen würde.

Doch diese optische Extravaganz war keine Mogelpackung, sondern Markenzeichen eines genialen Exzentrikers der Rockmusik. Jetzt ist Willy DeVille mit 58 Jahren in New York an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben.

Seine Konzerte - mehrmals im Kölner E-Werk, aber auch auf dem Bonner Museumsplatz - glichen wilden Achterbahnfahrten. Seine unverschämte Mariachi-Fassung von Hendrix „Hey Joe“ zählt zu den besten Cover-Versionen aller Zeiten, und auf mitreißend hingefetzte Titel wie „Shake, rattle & roll“ folgten oft Balladen wie „Heaven stood still“, deren himmlischen Schwulst DeVille nur mit seiner schmutzigen Stimme halbwegs in Schach hielt.

Zwischen Tex-Mex und Blues („Cadillac Walk“), schepperndem Rock („White Trash Girl“) und Salsa („Demasiado Corazón“), Cajun und Bluegrass schlug da einer seine ganz eigenwillige Schneise durch die amerikanische Musikgeschichte.

„Wenn ich von großer Musik rede, dann meine ich Leute wie Buddy Holly, Edith Piaf oder Muddy Waters. Leute, wie es sie heute kaum mehr gibt“, hat er einmal gesagt. Und dabei vielleicht Bob Dylan und Jimi Hendrix vergessen, die zu den Idolen seiner Jugend zählten. Es sollte ein wenig dauern, bis der als William Borsay in Stamford / Connecticut geborene Mann diesen Größen nacheifern konnte. Erst schlug er sich in San Francisco mit seiner Band Billy DeSade & the Marquis durch und konnte es sich seinerzeit nicht leisten, Auftritte in Sado / Maso-Clubs abzulehnen.

Doch mit der neuen Gruppe Mink DeVille bog er allmählich in die Erfolgsspur ein. Schon „Spanish Stroll“ - eine Auskopplung aus dem Debütalbum, schaffte es auf die unteren Ränge der Charts, und mit dem dritten Werk „Le Chat Bleu“ war der Durchbruch geschafft. Mochte die romantische Inbrunst einiger Titel auch manche Kritiker irritieren - das „Rolling Stone“-Magazin wählte die Platte 1980 unter die Top Ten und Willy zum Sänger des Jahres.

Dennoch geriet die Karriere ins Trudeln: Während die Experten Alben wie „Coup de Grace“ feierten, blieben die Käufer überschaubar. Da half es auch wenig, dass Willy DeVille drei Songs zu William Friedkins Schwulen-Thriller „Cruising“ beisteuerte. Als sich Mink DeVille 1986 auflöste - es gab Millionenschulden und Drogen-Exzesse - begann beinahe zwangsläufig die Solo-Karriere von Willy DeVille. Der ließ sich in New Orleans nieder, ging in Entzugstherapie und ins Studio. Doch obwohl Mark Knopfler das Album „Miracle“ produzierte, blieb das Wunder aus. Spätere Arbeiten wie „Backstreets of Desire“, „Loup Garou“, „Horse of a different Colour“ und „Pistola“ waren zwar meist Kritikererfolge, Willy DeVille blieb aber vor allem in Amerika eher ein hoch geschätzter Geheimtipp. Zwischenzeitlich korrigierte er seinen ruinösen Lebenswandel, schwor Heroin und Alkohol ab, züchtete Pferde und rasierte den Schnurrbart weg. Wie er in einem Rundschau-Interview sagte, hatte er die Nase voll „von diesem Typ auf der Bühne. Mit so einem Hurensohn kann man nicht leben, ich habe ja selbst Angst vor ihm“. Sein Publikum aber wird diesen Hurensohn ziemlich vermissen.