Bonn wächst. Die Bundesstadt ist neben Münster die einzige Großstadt in NRW, in der die Geburtenrate noch über der Sterberate liegt. Doch welche Bedingungen finden Kinder und ihre Familien in der Stadt? Eine Bestandsaufnahme von 0 bis 18 Jahren.
BONN. Willkommen in Bonn, Rania Correia-Chouadli! Das zwei Tage alte Mädchen liegt im Neugeborenenzimmer des St.-Marien-Hospitals und brüllt Kinderarzt Dr. Werner Garbe energisch an. Der lässt sich von dem kleinen Energiebündel nicht beirren und untersucht vorsichtig Kopf, Augen, Mund und Ohren. Mutter Cintia Freitas-Correia ist sichtbar stolz. Eine sanfte Geburt liegt hinter ihr, das Stillen klappt nach fachlicher Anleitung bestens. Man bekommt unglaublich viel Hilfe hier, sagt die junge Mutter, die aus Brasilien stammt. In zwei Tagen will sie ihr Baby mit nach Hause in die Südstadt nehmen. Eine neue Bonnerin kommt im Alltag an.
Knapp über 3000 Kinder erblicken Jahr für Jahr in Bonn das Licht der Welt. Deren Mütter (und ihre Partner) haben die Qual der Wahl: Sechs Krankenhäuser mit geburtshilflichen Abteilungen, das Bonner Geburtshaus und natürlich die eigene Wohnung (in Verbindung mit einer Hausgeburts-Hebamme) stehen für die Geburt des Nachwuchses zur Verfügung. Alle Einrichtungen und viele Hebammen bieten Geburtsvorbereitungskurse (für Frauen und Paare) an, darüberhinaus gibt es ein schier unüberschaubares Angebot an Entspannungskursen, Yoga, Autogenem Training oder Tanz für Schwangere sowie Vorträge zur Säuglingspflege oder -massage. Die Palette ist hier in Bonn wirklich groß, sagt Professor Volker Pelzer, Chefarzt der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe im St.-Marien-Hospital. 1495 Babys kamen hier im Jahr 2004 zur Welt - damit liegt das Marien-Krankenhaus in Bonn an der Spitze, gefolgt von der Uniklinik (1244) und dem Johanniter-Krankenhaus (1046). Die Mütter entscheiden sich heute sehr bewusst für ein Krankenhaus. Da ist man natürlich in einer Konkurrenzsituation, sagt Pelzer. Mit Kreißsaalführungen und Informationsabenden versuchen die Krankenhäuser, die werdenden Mütter von ihrem Angebot zu überzeugen. Gerade in Bonn ist es Usus, dass Paare sich alle Einrichtungen sehr genau anschauen und dann entscheiden, sagt Pelzer. Ein Grund dafür sei, dass die Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes heute im Schnitt älter sind, sich also bewusst für Kinder entscheiden und so das Projekt gut informiert in Angriff nehmen. Die Erstgebärende in Bonn ist laut Statistik im Schnitt 31,1 Jahre alt.
Eine junge Frau liegt im blauen Kreißsaal des Marien-Hospitals in den Wehen. Sie atmet hörbar, ein CTG-Gerät überträgt leise die regelmäßigen Herztöne des Babys in den Raum, wo medizinische Geräte hinter Holzschränken unsichtbar verstaut sind. Holzböden, Ledersofas, indirektes Licht und moderne Kunst: Der Kreißsaal-Trakt erinnert auffallend an die Empfangshalle eines Wohlfühlhotels.
Zwar ist eine Geburt alles andere als ein Wellnessurlaub, die harte Wehenarbeit sollen die Frauen aber zumindest in angenehmer Atmosphäre leisten können - dieser Trend ist mittlerweile in allen Bonner Krankenhäusern angekommen. Geburtshocker- und -seile, geräumige Badewannen oder breite Betten gehören heute ebenfalls zur Standardausstattung eines Kreißsaales. Angestrebt wird eine möglichst sanfte, natürliche Geburt im sicheren Umfeld eines Krankenhauses, sagt Tatjana Parisi, leitende Hebamme im St.-Marien-Hospital. Selbst bei Beckenendlage (das Kind kommt mit dem Po zuerst) sei heute kein Kaiserschnitt mehr nötig.
Dennoch ist auch hier der Einfluss der Promi-Mütter zu spüren: Immer mehr Frauen fragen nach einem Wunschkaiserschnitt, sagt Professor Pelzer. Drei bis vier Kinder pro Woche würden derzeit in seinem Haus per Wunschkaiserschnitt zur Welt gebracht. Sie haben heute rechtlich und in Anbetracht der Konkurrenzsituation gar keine andere Wahl, als den Frauen diesen Wunsch zu gewähren. Aber wir weisen immer entschieden darauf hin, dass jeder Kaiserschnitt Gefahren birgt - besonders auch für eine Folgeschwangerschaft, erklärt der Gynäkologe. Wir wollen schließlich, dass die Frauen auch noch ein zweites oder drittes Kind bekommen.