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Zankapfel und ein Synonym für Köln

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60 Kilogramm Plastiksprengstoff waren nötig, um den Koloss niederzustrecken. Am 7. Juli 1980 wurden große Teile des alten Stollwerck-Komplexes dem Erdboden gleich gemacht. Der Weg war frei für die Neugestaltung eines städtischen Filetstücks, das gerade jetzt durch die Bebauung des Rheinauhafens seine Anbindung an den Rhein findet. Vorausgegangen waren wochenlange erbitterte Auseinandersetzungen und eine der größten Hausbesetzungen in Deutschland.

Fast 150 Jahre wurden unter dem Namen „Stollwerck“ in Köln Schokolade und Pralinen produziert, ehe jetzt das Aus kam. Hans Imhoff ist den Kölnern als Schoko-König über Jahrzehnte ein Begriff gewesen; vielen steht der Name Stollwerck aber auch für die Fabrikbesetzung. Dabei war es keineswegs die einzige Hausbesetzung jener Zeit in Köln, und die ehemaligen Fabrikgebäude stellten nur einen Teil des Sanierungsgebiets Severinsviertel dar.

Bei Stollwerck zu arbeiten, galt vor 100 Jahren als etwas Besonderes. Im Lied „Am Dude Jüdd“ besang Willi Ostermann ein Tanzlokal gleichen Namens vor dem Severinstor, in dem sich „die Stollwercks- Hotvullee“ traf, unter anderem „et fussich Julche met de lila, lila Söckcher“.

Brauchtumskenner Reinold Louis erzählte, dass seine Mutter Susanna, die bei Stollwerck von 1930 bis 1936 im riesigen Packraum arbeitete, sich stets voll des Lobes über das Unternehmen äußerte. In der Zeit der großen Arbeitslosigkeit war es verboten, dass zwei Familienmitglieder gleichzeitig arbeiteten. Louis Vater Josef, Schumachermeister, habe seine Arbeit aufgegeben, weil seine Frau mehr verdiente als er. „Sanitäres und Hygiene waren einwandfrei; die Firma führte eine Betriebskrankenkasse, sie stellte Arbeitskittel, es wurde mittags warmes Essen geboten, was sonst erst nach dem Krieg aufkam. Eine gute Suppe kostete 20 Pfennig, ein komplettes Essen 50 Pfennig, mit Fleisch gegen Aufpreis. Zeitweise wurden 10,5 Stunden am Tag gearbeitet, wofür es im Ausgleich Weihnachtsferien gab, gezahlt wurden pro Stunde 28 Pfennig.“ Der Patron, Adalbert Stollwerck, ließ sich regelmäßig in den Fabrikhallen blicken.

Die Herausgabe von Sammelbildchen zu Themen wie Afrika oder Tiere betrieben viele Unternehmen, aber nur ganz wenige in der Qualität wie Stollwerck. Knapp zigarettenschachtelgroß, wurden sie der Schokolade beigelegt. „Es waren ganz tolle Kunstwerke darunter, etwa von Liebermann“, erinnert sich Reinold Louis.

Ende der 1970er Jahre zog die Fabrik in ein Gewerbegebiet in Porz. Was sollte mit dem alten Gelände passieren? Das Severinsviertel stand vor einer umfassenden Sanierung. Viele Bewohner fürchteten, dass sich dort ein Schicki-Micki-Viertel entwickeln würde mit teuren Wohnungen, die sie sich nicht mehr leisten könnten. Widerstand formiert sich, maßgeblich in der „Bisa“, der „Bürgerinitiative südliche Altstadt“. Als der Rat den Beschluss zum großflächigen Abriss fasst, stürmen hunderte, meist jugendliche Besetzer in der Nacht zum 21. Mai 1980 in die (unbewachte) Fabrik. Wohnungen wollen die einen darin bauen; den anderen, die aus der ganzen Republik herbeiströmen, geht es um Randale, um Provokation des Bürgertums.

Die SPD fasst gegen das Fraktionsvotum auf einem Parteitag sogar mit knapper Mehrheit den Beschluss, den Abriss zu kippen. Nachdem der starke Mann im Rat, SPD-Fraktionschef Günter Herterich, nach zahllosen Verhandlungen den Besetzern schließlich verspricht, auf Strafanzeigen (weitgehend) zu verzichten, zieht der Trupp am 6. Juli ab. Unverzüglich rücken die ersten Bagger an, tags darauf erfolgt die Sprengung.

Von Schicki-Micki ist keine Spur. Heute ist das Severinsviertel ein Szene-Quartier, auf dem Stollwerck-Gelände entstanden Sozialwohnungen, das Projekt kostete 350 Millionen Mark an öffentlichen Geldern plus 130 Millionen aus privater Hand. 1250 neue Wohnungen, 2000 renovierte Wohnungen, drei Kindertagesstätten, 150 Altenwohnungen, das Bürgerhaus Stollwerck, 60 000 Quadratmeter neuer Grünflächen gehören zur insgesamt gelungenen Bilanz. An die lange Tradition kölnischer Schokoladenproduktion erinnern das einen Steinwurf weit entfernte Stollwerck-Imhoff-Museum, das die Kölner lieben, und das bronzene Stollwerck-Mädchen vor der Severinskirche. KOMMENTAR S. 34