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Zehn Jahre in Erdhütte gewohnt

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Viel hatte er nicht. Und selbst das Wenige wurde am Donnerstag ein Raub der Flammen, angezündet von einem Unbekannten. Man glaubt es kaum: Mehr als zehn Jahre lebte Josef Honerbach in einer Erdhütte, tief im Wald zwischen Bahrhaus und Nettersheim.

NETTERSHEIM. Er wollte nicht, dass irgendjemand seine winzige Erdhütte im Wald fand. Perfekt hatte der 55-jährige Josef Honerbach sie daher getarnt. Die Hütte baute er in einen alten Bombenkrater. Das Dach deckte er mit Wurzeln und Erde ab, auch der Eingang war gut mit Hecken und Sträuchern getarnt. „Ich hatte schon fast krankhafte Angst, dass jemand die Hütte fand“, sagt Honerbach.

1991, erzählt Honerbach, sei in seinem Leben einfach alles zusammengekommen. Auf seiner Arbeitsstelle sei er als Waldarbeiter „böse über den Tisch gezogen“ worden. Dann sei schwer erkrankt und habe auch noch Besuch vom Gerichtsvollzieher erhalten. Der ganze Frust habe zu einer Reaktion geführt, die sein Leben schon früher prägte: einfach weglaufen.

Er fand jene Stelle im Wald, die er zu seinem neuen Zuhause erkor. Da er damals noch ein Auto besaß, brachte er nach und nach die Baumaterialien dorthin. Dann begann die wochenlange Bauarbeit. Penibel achtete er darauf, nicht bemerkt zu werden. Tagsüber verrichtete er nur „lautlose“ Arbeiten - etwa Anstreichen. Meist arbeitete er spät abends und nachts, bei Kerzenschein. Geschraubt und gesägt hat er nur per Hand - alles andere wäre zu laut gewesen. Ein Wunder, so Honerbach, dass alle Winkel gerade geworden seien.

„Es war eine Hundehütte - aber schön wohnlich zurechtgemacht“, sagt er über sein Zuhause im Wald. Er sei mit der Einsamkeit gut klar gekommen. „Das Leben draußen“ bot ihm Zeit zum „Studieren“: Alles wollte er über die Pflanzen und Tiere in seiner Umgebung wissen. Er wälzte Bücher und befasste sich intensiv mit Grammatik: „Vorher habe ich ,stets' immer mit ,h' geschrieben - das muss man sich mal vorstellen...“

„Das Leben draußen“ härtete ihn ab. Bei Wind und Wetter wusch und rasierte er sich morgens in einer Quelle. Seine Kleidung wusch er in der Reinigung oder bei Bekannten. Josef Honerbach raucht nicht, trinkt nicht und besitzt keine Waffen. Und er hat keinen Müll im Wald hinterlassen. Gelebt hat Josef Honerbach von Gelegenheitsjobs. Er hat Rasen gemäht, Holz gehackt oder Gartenarbeiten verrichtet. Von dem Geld konnte er Lebensmittel kaufen. Zudem weiß er, welche Pflanzen essbar sind. Aus Nudeln, Brennnesseln und einem Bouillonwürfel kochte er oft eine Suppe: „Das war billig und hat satt gemacht.“ Ab und an hat er in seiner Hütte auch mal einen Schweinebraten mit Kartoffeln zubereitet. Gekocht hat er nachts - bei Kerzenschein. Qualm und Geruch hätten ja tagsüber seine Hütte verraten können. Wenn Schnee lag, kam er oft wochenlang nicht aus der Hütte - die Spuren wären verräterisch gewesen.

„Man muss genau wissen, wo die Hütte ist. Und selbst dann kann es passieren, dass man nur einen Meter davor steht und sie nicht erkennt“, berichtet Felizius Poth aus

Urft, der Honerbach seit vielen Jahren kennt und einer der Wenigen war, die vom Einsiedler im Wald wussten.

Im Urfter Hermann-Josef-Haus wuchs Josef Honerbach auf, in der Nähe wohnt auch Poth. Später, so Poth, habe er ihn Jahre aus den Augen verloren. Immer wieder tauchte Honerbach aber in Urft auf, habe er sich doch mit dem Ort eng verbunden gefühlt. Schon immer, so Poth, sei Honerbach ein Einzelgänger gewesen.

Im vergangenen Jahr hat Josef Honerbach in einer Wohnung in Kall gelebt. Wärme und warmes Wasser seien ihm aber ausgesprochen suspekt gewesen. Nach einigen Monaten hielt er es nicht mehr aus, ging in seine Hütte zurück. Bandscheibenprobleme, Arthrose und eine chronische Knochenhautentzündung machten ein Leben im Wald aber unmöglich. Er ging in die Arbeiterkolonie Vellerhof. Das klappte auch einige Monate. Was er dort verdiente, sparte Josef Honerbach eisern. Nach etwa fünf Monaten zog es ihn dann vor zwei Wochen wieder in seine Hütte. Am Donnerstagmorgen musste Josef Honerbach nach Blankenheim. 14 Kilometer legte er in zwei Stunden zu Fuß zurück. Dabei hinterließ er im frischen Schnee Spuren. Auf dem Rückweg, erzählt er, habe er in Nettersheim noch drei Liter Milch eingekauft. Als er in die Nähe seiner Hütte kam, sah er schon die Reifenspuren, die von einem Geländewagen stammten.

Dann sah er die

Spur im Schnee...

Dann sah Honerbach zu seinem Entsetzen, dass die Reifenspuren genau da endeten, wo seine Fußspuren aus dem Wald kamen - und dass an den Reifenspuren andere Fußspuren begannen, die genau seinen folgten. Da wusste er: „Die Hütte ist entdeckt.“ Sie war nicht nur entdeckt, sie war nicht mehr da. Statt ihrer fand er nur noch ein Loch und Asche vor.

Nur sieben oder acht Menschen hatte Honerbach die Hütte gezeigt - und die kommen für ihn nicht als Brandstifter in Frage. Nun ermittelt die Kriminalpolizei.

Mit der Hütte verbrannte nicht nur sein Heim. Sein gesamtes Hab und Gut ist weg: der Schlafsack, den er sich erst vor einer Woche zugelegt hatte, seine Bücher, der Rosenkranz und die Lesebrille - Dinge im Wert von 500 bis 600 Euro, schätzt Honerbach. Geblieben seien ihm nur seine Papiere. Die hatte er sicher versteckt.

Obdach fand Honerbach bei Aude und Heinz Klein in Urft, die ihn seit einigen Jahren kennen. Heute will Josef Honerbach zunächst nach Köln fahren, einen neuen Schlafsack und Rucksack kaufen. Dann will er auf Wanderschaft gehen, erst mal wieder zur Ruhe kommen, vielleicht auch Arbeit finden. Auf jeden Fall will er in die Eifel zurückkehren. Denn hier, so Honerbach, habe er zum ersten Mal erfahren, was Liebe und ein Zuhause sei.