Dr. Katrin Ulrike Zaborowski arbeitet am Inistut für Schulpädagogik und Grundschuldidaktik der Uni Halle-Wittenberg. Angela Sommersberg sprach mit ihr.
Frau Zaborowski, Sie haben Beobachtungen zum Thema Leistungsbewertung durchgeführt und darüber ein Buch geschrieben. In der Einleitung steht, dass Sie „schockiert“ gewesen seien. Warum?
Wir waren sehr erstaunt darüber, wie schnell Lehrer Schüler auf ein spezifisches Leistungsvermögen festlegen. Schüler werden schon innerhalb der ersten Wochen in der fünften Klasse als gut oder schlecht eingeordnet. Natürlich versuchen sich die Lehrer zu orientieren, aber eine so frühe und weit reichende Festlegung ist sehr problematisch.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Wir haben eine Schülerin, die wir Elisabeth nennen, in der fünften und sechsten Klasse der Sekundarschule (Anm. d. Red.: ein Zusammenschluss aus Haupt- und Realschule in Sachsen-Anhalt) beobachtet. Weil sie sehr still war und ihre Noten anfangs nicht so gut waren, wurde sie schnell auf die Position der Fünferkandidatin festgelegt. Sie erhielt dann aber so gute Noten, dass sie am Ende des fünften Halbjahres eine Zwei auf dem Zeugnis bekam. Diese Note wurde von der Lehrerin aber nicht mit persönlichem Können erklärt, sondern mit Glück und Fleiß. So blieb Elisabeth trotz ihrer Zwei eine Fünferkandidatin. Die frühe Zuordnung zu Leistungsbereichen kann problematisch sein und Schüler - gerade auch gute - entmutigen.
Sind Noten überhaupt gerecht?
Nein. Es wird viel dafür getan, dass die Noten objektiv erscheinen, aber sie sind es nicht.
Welche Praktiken zur Objektivierung der Noten konnten Sie denn im Laufe ihrer zweieinhalbjährigen Beobachtung in den beiden Klassen feststellen?
Im Gymnasium und der Sekundarschule konnten viele Praktiken beobachtet werden, welche der Legitimierung der Noten dienen, also Noten als gerecht erscheinen lassen. Das geschieht zum Beispiel, indem Lehrer im Vorfeld der Leistungsüberprüfung ihre Anforderungen und die Benotung selbst transparent und damit für die Schüler nachvollziehbar machen.
Schüler werden aber doch immer wieder abgefragt und getestet.
Ja, die Idee dahinter entspricht einem „Je mehr desto besser“ - je mehr Noten erteilt werden, desto weniger Gewicht erhält die Einzelnote und somit auch Ausreißer nach oben oder unten. Andererseits erscheint durch die stetige Bewertung der Fehlerspielraum kleiner. In manchen Klassen erhalten die Schüler bis zu hundert Noten pro Halbjahr. Eine so hohe Menge stumpft die Schüler einerseits ab, andererseits erhöht sich aber auch der Druck auf die Schüler, da sie jederzeit mit Leistungsüberprüfungen rechnen müssen.
Welche Praktiken werden noch genutzt, um die Note zu legitimieren?
Noten werden nicht nur objektiviert, sondern auch subjektiviert. Hier wird die Note vom Lehrer mit Blick auf den einzelnen Schüler als Erfolg oder Misserfolg kommentiert. Diese Praktiken geben den Noten ihre besondere Wirkung: Elisabeth ist nicht gut, sie hatte lediglich Glück. Neben diesen Zuschreibungen, die mitunter nicht mehr viel mit den Noten zu tun haben, werden die Schüler andererseits voll und ganz für die schulischen Leistungen verantwortlich gemacht. Kein von uns beobachteter Lehrer führte schlechte Noten auf seinen Unterricht, unangekündigte Tests oder fragwürdige Prüfungsinhalte zurück: Verantwortlich sind immer die Schüler selbst.
Werden die Noten im Klassenzimmer öffentlich gemacht?
Ja, in aller Regel. Wir haben häufig beobachtet, dass Noten vor der Klasse angesagt werden. Wenn die Noten nicht genannt werden, dann schreiben die Lehrer den Klassenspiegel an. Das nutzen die Schüler nicht nur, um sich selbst mit der eigenen Leistung einzuschätzen, sondern sie suchen dann auch die Schüler mit den sehr guten und sehr schlechten Noten. Das ist für die schlechten Schüler eine doppelte Beschämung.
Wäre es besser, wenn man auf die Notengebung verzichten würde?
Sagen wir mal so: In der deutschen Unterrichtspraxis nehmen die Noten einen so hohen Stellenwert ein, dass ein Verzicht beinahe unvorstellbar erscheint. Aber spätestens in der Pubertät merken die Schüler instinktiv, dass der chronische Kampf um gute Noten der Schule keinen Sinn verleiht. Wahrscheinlich wäre der Unterricht besser ohne Noten, weil man die Schüler anders ansprechen und motivieren müsste.
